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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1894-03-01 · Heft 3 (1.3.1894) · p. Seite 55

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 3 (1.3.1894)
Date
1894-03-01
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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oo dann kennt ihre Weisheit keine Grenzen mehr, dann schreiten sie stolz einher im Gefühle ihrer geistigen Größe und verkünden Jedem, der es hören will ihre „religiöse Ueberzeugung", wie sie gewichtig sagen. Sie nennen sich Materialisten, Pantheisten, Atheisten, je nachdem der Zufall es so mit sich bringt, denn das klingt so gelehrt und kostet kein Nachdenken. Und wenn solche Menschen dann älter und gereister geworden, dann gilt von ihnen das Wort unseres Textes: „Umeabodah kasehali", „sie scheuen die schwere Arbeit"; sie sind zn bequem geworden, als daß sie noch neues Interesse gewinnen könnten für den Glauben der Väter, um ernstlich mit ihm sich zu befassen. Aus Oberflächlichkeit blieben sie unwissend, aus Unwissenheit werden sie gleichgültig, aus Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit wenden sie der Religion den Rücken. Vor der Welt freilich wollen sie den Schein wahren, und da sic min einmal ihre Gleichgültigkeit nicht eingestehen dürfen, nennen sie sich „freigesinnte Juden". Welcher Hohn, meine Andächtigen! Als ob nicht gerade der freigesinnte Jude der Todfeind aller Gleichgültigkeit sei, als ob nicht gerade er sein Judentum genau kennen, mit allen Fasern seines Herzens ihm anhängen, mit allen Kräften seiner Seele für es kämpfen müßte! Denn dem freigesinnten Juden blühen wahrhaftig keine Rosen; er muß seine Befriedigung finden im Kampfe für die gute Sache — Jene Gleichgültigkeit aber, deren Todfeinde wir zu sei» uns rühmen, sie führt noch zu etwas Schlimmeren, sie führt zum Abfall und zum Glaubenswechsel, zur Charakter- und Gesinnungslosigkeit. Denn, meine Andächtigen, das ist gewiß, wer zu gleichgültig ist, mit seinem Judentum sich zu befassen, zu bequem, um in die Lehren seiner Religion sich zu vertiefen, der geht schließlich aus lauter Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit zu einem andern Glauben über, welcher ihm äußerlich wenigstens Kränkung und Zurücksetzung erspart. Er freilich wird dann stolz verkünden, aus Ueberzeugung sei es geschehen; wir aber sagen: aus Bequemlichkeit, nur um auf möglichst einfache Art das Judentum, das ihn ja doch nur am Fortkommc» hindert, achtlos bei Seite werfen zn können. Dafür, meine Andächtigen, gibt es keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung, oder es sei, daß Charakter- und Gesinnungslosigkeit zu Entschuldigungsgründcn bei uns werden. Wie können wir nun all diesen drohenden Gefahren im Judentum begegnen? Wie können wir die Lauen und Gleichgültigen, die Fernstehenden und Tcilnahmlosen unserer guten Sache gewinnen? — Es ist schwer, meine Andächtigen, unendlich schwer, und nur durch Arbeit ists zu erreichen, durch unermüdliche Arbeit in den Schulen, in den Gotteshäusern, in den Gemeiden. in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung. Lassen wir den Mut uicht sinken, geben wir nur die Hoffnung nicht auf, die Zukunft wird unser Werk krönen. Ja, so gewiß, wie aus dem zarten Bäumchen bei unermüdlicher Pflege der schattenspendende Baum sich herausgcstaltet mit mächtigem Stamme, zahlreichen Aesten und fruchtbeladenen Zweigen, so gewiß wie der unbedeutende Wasserquell zum majestätischen Strom anschwillt, der seine

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