Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1894)
- Date
- 1894-03-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 geeignet gewesen, das religiöse Leben innerhalb des Judentums zu veredeln und neue Kräfte ihm zuzuführen. Und wodurch wurden und werden qlle jene trostlosen Zustände hervorgerusen? Wodurch anders, als durch die religiöse Erziehung in der Vergangenheit und — gestehen wir es nur offen ein — zum größten Teil auch noch in der Gegenwart. Ja, meine Andächtigen, diese sogenannte religiöse Erziehung klagen wir an als die Urheberin jener traurigen religiösen Mißstände unserer Zeit. Kann man Weizen ernten, wenn man Unkraut gesäet? Man hak den Kindern im Religionsunterricht alles Mögliche gelehrt: Hebräisch Lesen, hebräisch Schreiben, Bibelnbersetzen, genaue Kenntnis der Ceremonien, und weiß Gott, was noch alles. Nur eins hat man vergessen, eins hat man nicht gelehrt: das war die Religion selbst, die erhabene Sittenlehre des Judentums, das waren die unendlich reichen Schätze des Geistes und Gemütes, die in den Schriften unserer Väter wie in einem verborgenen Schreine ruhen. Und so kam und kommt es denn, daß die unter solchen religiösen Einfluß Großgewordenen, und gerade die ideal Beanlagten unter ihnen, wenn sie geistig mündig geworden, erstaunt sich fragen: Das sollte unser Judentum sein? Dieser Wust von Dogmen und Formen sollte Herz und Gemüt uns befriedigen? Nimmermehr! — Und weil sie nicht besser es gelernt und nicht bester es wissen, deshalb werfen sie mit der Schale den Kern, mit der Form den Geist von sich, und suchen an fremden Thüren zu erbetteln, was sie im eigenen Hause in so reicher,Fülle hätten genießen können. Auf diesem Gebiete, meine Andächtigen, da wird und muß die Zeit Wandel und Besserung schassen. Die religiöse Erziehung der Jugend wird und muß anders gestaltet werden im Lause der kommenden Jahre. Dann werden wir es noch erleben, daß edle Begeisterung für die herrliche Schätze unserer Religion die Herzen derer erfüllt, die heute uns kühl den Rücken wenden, und neue, edle Kräfte werden unfern Aufgaben und Bestrebungen als treue Mitarbeiter gewonnen sein. IV. ..Ivozer ruacli^ bedeutet viertens endlich: Leichtigkeit, Oberflächlichkeit des Geistes und des ganzen Denkens. Und da habt Ihr endlich den letzten Grund für die blasierte Teilnahmlosigkeit so vieler unserer Glanbensbrüder gegenüber unseren Bestrebungen. Ihnen fehlt der gründliche, tiefe Blick des Geistes; sie sind oberflächlich in ihrem Denken, oberflächlich in ihrem ganzen Wesen, und gerade das Heranwachsende Geschlecht unserer Zeit zählt in seinen Reihen gar manche solcher Geister. Was gereifte Männer im ernsten Seelenkampfe zu erringe» suchen, die Erkenntnis der Wahrheit, das ist bei ihnen längst entschieden. Wahrheit ist ihnen, was ihrer Bequemlichkeit am wenigsten Mühe macht, und die Fragen über Sein oder Nichtsein sind ihren erleuchteten Köpfen längst gelöst. Sind sie nun gar in der glücklichen Lage, hie und da ein gelehrtes Wort gehört oder gelesen zu haben, heiße'' es nun Atheismus, Pantheismus oder Materialismus,