Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1894)
- Date
- 1894-03-01
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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53 dessen bin ich gewiß, Ihr, Alle, Alle, werdet unseren Ausgaben und Bestrebungen als treue Mitarbeiter gewonnen sein. HI. „Kozer ruachu bedeutet drittens aber auch „Kurzsichtigkeit des Geistes", hervorgerufen durch mangelnde religiöse Unterweisung. Und da habt Ihr den dritten Grund für die abweisende Gleichgültigkeit so vieler unserer Glaubensbrüder gegenüber den Reformbestrebungen innerhalb des heutigen Judentums. Ich denke dabei an alle jene tief veranlagten Naturen, denen ein warmes religiöses Empfinden nicht abgesprochen werden kann, und die es auch an dem ernsten redlichen Willen nicht fehlen lassen, ihre religiösen Auschauungen zu läutern und zu klären. Es sind edle Männer unter ihnen, große Denker, Bevorzugte des Geistes, Leuchten der Wissenschaft, Männer von Bildung und Charakter. Und doch wenden sie schließlich vom Judentume verächtlich sich ab, kehren der Religion der Väter schweigend den Rücken. Weil sie fürchten, ihres Glaubens Durst an den Quell unserer Lehre nicht stillen zu können, suchen sie dem mächtig in ihrem Innern sich regenden Drang nach Befriedigung ihres religiösen Gefühles an fremder Quelle zu genügen, Nicht, als ob sie das Gewand ihres Glaubens mit dem eines andern vertauschten, etwa wie man das Kleid eines Tages wechselt! Nein, meine Andächtigen, dazu sind sie zu stolz; es lebt in ihrem Innern ein edler Trotz, der sie davor bewahrt, um dem Preis einer Lüge den Glauben der Väter von sich abzuwerfen. Aber sie begegnen dem Judentum mit Gleichgültigkeit oder schließen sich, ohne gerade aus der Religionsgemeinschaft auszutreten, interkonfessionellen Bestrebungen an, von denen sie wähnen, daß dieselben ihr religiöses Emfinden mehr befriedigen, als die angestammte Religion der Väter. Ich brauche blos auf eine Erscheinung der neuesten Zeit Euch hinzuweisen, und Ihr werdet mich verstehen. In der Hauptstadt unseres Vaterlandes bildete sich vor längerer Zeit eine Vereinigung edel- und hochgesinnter Männer, welche die Pflege humaner Gesinnung sich zur Lebensaufgabe gemacht. „Verein für ethische Kultur", so lautet der bedeutungsvolle Name, und viele unserer Glaubensbrüder, hervorragende und. bedeutende Geister schlossen und schließen sich dieser Vereinigung an. Als. ob wir Juden wirklich eines Vereins für ethische Kultur bedürften! Nein, meine Andächtigen, wir besitzen einen solchen schon seit vielen, vielen Jahren. Bereits schmücket der Schnee des Alters sein Haupt, obwohl noch jugendsrischer Geist ihn beseelt. Er hat die Feuerprobe bestanden im Kampfe und Sturme der Zeit; 4000 Jahre ist er alt, und sein Name lautet: Judentum! Q, meine Andächtigen, schmerzliches Bedauern erfüllt unser Herz, wenn wir Zeugen sein müssen, wie edle Geister die unserm Stamm entsprossen und von heiligem Eifer nach der Erkenntnis der religiösen Wahrheit durchdrungen sind, den kostbaren Schatz in ihrer Nähe übersehen, um an fremdem Quell sich zu laben. Wie wären gerade solche Männer