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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1894-03-01 · Heft 3 (1.3.1894) · p. Seite 52

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 3 (1.3.1894)
Date
1894-03-01
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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ängstliches Gemüt, ihr kurzsichtiger Geist läßt scheu sie zurückbeben vor jedem Wechsel und Wandel der Form. Sie fürchten den Kern zu verletzen, wenn sie die Schale entfernen, meinen den Geist zu toten, wenn sie das Gewand ändern, wähnen der Lehre zu schaden, wenn sie vom Buchstaben lassen. Aus „Pietät" gegen die Eltern, die draußen der kühle Rasen deckt, aus „Pietät" gegen die großen Ahnen der Vorzeit glauben sie fcsthalten zu müssen an der starren Form, meinen sie nicht ablassen zu dürfen von dem was Jene geübt. Aus „Pietät", meine Andächtigen! Pietät, großes, erhabenes Wort, wie oft wirst du verkannt, wird dein edler Sinn mißdeutet! Auch ich glaube von mir sagen zu dürfen, daß ich Pietät übe gegen die, welche mir lieb und teuer waren im Leben und die nun schlummern in kalter Erde, daß ich Pietät übe gegen das geheiligte Andenken unserer großen Ahnen, und doch, oder vielleicht gerade deshalb trete ich entschlossen ein für die zeitgemäße Gestaltung unseres religiösen Lebens. Oder glaubt Ihr wirklich, das sei die rechte Pietät, die um jeden Preis starr festhält an dem, was die Väter der Vorzeit uns überliefert und nur deshalb dies oder jenes vollbringt, weil Eltern und Ureltern es auch so vollbracht? Fragt Euch selbst, meinte Andächtigen, wo blieben all' die großen Fortschritte im Kultur- und Geistesleben der Menschheit, wenn nian nach solch' kleinlichen Gesichtspunkten die Ausgaben der Völker bemessen wollte? Still' stand gäb's und Rückschritt, gewaltsames Hineinzwängen der Willensfreiheit unserer Zeit in die beengenden Fesseln vergangener Jahrhunderte. Darum gewiß, nicht das ist die rechte Pietät, die Alles gedankenlos vollführt, weil die Vorfahren es auch so gethan, sondern einzig und allein die Pietät ist die wahre, welche überall prüfend sich fragt: Wie würden unsere Väter unter den veränderten Verhältnissen der modernen Zeit gewirkt und gehandelt haben? Denn auch unsere Ahnen berücksichtigten bei allen ihren Entscheidungen die Zeit, in der sie lebten, den Ort, an dem sie wirkten- Was für den Tempel in Jerusalem galt, konnte nimmer gelten für unsere Väter in der Zerstreuung, und gerade der Talmud, jenes bedeutsame Werk, das unsere Brüder der alten Richtung so oft als Waffe gegen uns benutzen, ist das glänzendste Zeugnis für die Geistes- und Gewissensfreiheit, die stets in Israel geherrscht. Da sind fast auf jedem Blatte die widersprechendsten Anschauungen vertreten. Was der Eine gutheißt, wird vom andern verworfen, was der Eine aufstellt vom Andern bestritten. Da findet Ihr also nichts von jener falschen Pietät, die, wenn sie wirklich wahr wäre, jeder freien Forschung unüberwindliche Hindernisse entgegentürmen müßte. Darum gewiß, jene Pietät lassen wir uns gerne gefallen, und ich achte und ehre sie, wo ich sie finde, die den Forderungen der Zeit nicht gewaltsam das Auge verschließt, sondern den Geist der Väter liebevoll hineinzutragen versucht in die mächtig gährendc Bewegung unserer Tage, die mit feinem Zartgefühl die Frage zu beantworten strebt: Wie würden unsere Väter unter den veränderten Verhältnissen der modernen Zeit ihre Entscheidungen getroffen haben? Nach solcher Pietät strebet, meine Andächtigen, und

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