Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1894)
- Date
- 1894-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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39 der Dankbarkeit, uns hier im Gotteshause bescheiden vor dieser Größe zu beugen und ihr den Tribut unserer verehrungsvollen Huldigung darzubringen. Adolf Jellinek, der in dieser Woche zu Grabe getragene Oberrabbiner von Wien, zählt zu den edelsten und.erlesensten Vorkämpfern Israels in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts. Von ihm, der den hebräischen Namen „Ahron" trug, gilt vollinhaltlich das Wort unseres Thoraabschnittes: „Ahron soll dein Prophet sein" d. h. nach der übereinstimmende Erklärung aller Bibelforscher: soll der Ausleger, der Verkünder und Interpret des göttlichen Wortes für dich sein. Tenp er besaß die Gewalt der Rede, wie selten Einer, er verstand es, die Herzen zu rühren und die Geister zu entslamuien, und machte von der ihm verliehenen Gotteskraft den segensreichsten Gebrauch. Er schöpfte beständig ans den unermeßlichen Schätzen der heiligen Littcratur, wie sie zum Teil seit Jahrtausenden angehüuft sind, und er war ein Meister und ein Hohepriester der Wissenschaft, aber er war auch von der Notwendigkeit des stetigen Fortschreitens und einer gesunden Entwicklung unserer religiösen Zustände und Einrichtungen durchdrungen. Freimütig hat er allezeit seine Meinung ausgesprochen, unbekünunert, ob er nach oben oder nach unten Anstoß dadurch erregte, freimütig hat er auch die zahllosen Feinde unseres Glaubens und unseres Stammes mit dem Schwerte edelster Vaterlandsliebe und innigster Glaubenstrcue abgewehrt und zum „Kiddusch Haschem," zur Heiligung des göttlichen Namens wesentlich beigetragen. Wohl hat er auch den Schmerz empfunden, der sich jedes für die heilige Sache erglühenden Gemütes bemächtigt, wenn er die Abtrünnigkeit und herzlose Kälte sich mehr und mehr ausbrcitcn sicht: die trübe Erfahrung, daß auf die Begeisterung, die er durch Schrift und Wort angesacht, gar oft alsbald die Ernüchterung folgte, ist ihm nicht erspart geblieben. Aber er glaubte an das von ihm gelehrte, von ihm mit seinem Herzblnte vertheidigte hohe Gut, glaubte an die Menschheit, und wie er noch im Greiscnalter, noch in den letzten Lebenstagen, kampfesfroh eine Lanze einlegte für echte Duldsamkeit und Menschlichkeit, für wahre Nächstenliebe, wie das jüdische Gesetz sie lehrt, gegen Anmaßung und Selbstsucht, wie sie von dem Träger eines altadeligen Namens, der sittlichen Verrohung unserer Lage entsprechend, verfochten wurde: so hat er sein Dasein beschlossen in der überzeugungsvollen Zuversicht, daß trotz des finsteren Gewölkes, das den Horizont Israels umzogen hat, trotz des grollenden Donners, der aus den Feuerschlünden der Gehässigkeit faßt ununterbrochen ertönt, trotz der hageldicht auf uns herniederfallenden Verleumdungen und Verdächtigungen, sich doch in nicht ferner Zeit die Worte unseres Thoraabschnittes erfüllen werden: „Tie Donnerstimmen sollen verhallen, und der Hagel soll aufhören, auf daß du erkennest, daß des Ewigen die Erde ist." Nicht würdiger können wir darum das Andenken des großen Toten feiern, das ein gesegnetes ist und gesegnet bleiben wird, als wenn auch wir uns erfüllen