Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1894)
- Date
- 1894-02-01
- Page
- Seite 38 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 38 zu dem Losungsworte des Psalmensängers bekannt: „Wäre deine Lehre nicht mein Ergötzen, so ginge ich unter in meinem Leiden." Doch auch diese Genugthuung, die für manches Andere Entschädigung bieten mußte, ist den gegenwärtigen Lehrern in Israel wesentlich verkümmert worden. Mit der zunehmenden Bildung aus allen Gebieten menschlichen Wissens ist die Abneigung gegen religiöse Belehrung fast Hand in Hand gegangen; die Großen und Vornehmen in Israels Mitte fürchten, in ihrem Ansehen Einbuße zu erleiden, wenn sie sich für jüdische Angelegenheiten erwärmen ließen; die Denker und Forscher', und noch mehr die, welche die Miene von Denkern und Forschern annehmen möchten, obwohl sie ohne Prüfung das nachsprechen, was andere, tonangebende Männer ihnen vorsprechen, glauben, sich möglichst weit von dem Quell der religiösen Wahrheit entfernen zu sollen, um ihre Unparteilichkeit zu bekunden; und die große Masse derer, die mit der Not und Mühsal des Lebens zu kämpfen und unter den Vorurteilen Andersgläubiger zu leiden haben, — „sie hören nicht auf Moses vor Kürze des Ldcins und wegen der Schwere der Knechtschaft." Vergebens haben gerade die jüdischen Volkslrhrer und Seelsorger in höherem Maße, als cS in anderen Konfessionell geschehen ist, in Form und Inhalt sich bemüht, den Anforderungen der Zeit und der herrschenden Geschmacksrichtung gerecht zu werden und die religiösen Tagesfragrn von einem allgemeinen Gesichtspunkte aus zu behandeln — vergebens haben sie danach gestrebt, dem Eifer Mosis die. Milde, die Gewandtheit und Geschmeidigkeit Ahrons zuzugesellen: ihre Bemühungen sind größtenteils zerschellt an dem Felsen der Stumpfheit und der Gleichgültigkeit der eigenen Glanbensbrnder, und auch die Waffen, die sie im Kampfe für jüdisches Recht, für jüdische Ehre, für die Vertheidigiing der jüdischen Sittenlchrc gegen blindwütige Feinde schwangen, sie konnten nicht so wuchtige Hiebe austeilcn, nicht solche Erfolge erringen, als mit ihnen beabsichtigt war, weil die Kämpfer allein standen, weil ihnen die innige Berührung mit der Volksseele fehlt, die, >vie in der alten griechischen Sage die Berührung mit der Mutter Erde itmitcf neue Kraft verleiht. Und wenn die heldenmütige» Rufer im Streite ungeachtet aller trüben Erfahrungen nicht gänzlich erlahmten nnd die Berufsfreudigkeit nicht verloren, so danken sie dies nicht zum geringsten Teile den erhabenen und erhebenden Beispiele», die ihre hervorragenden Bernfsgenosscn ihnen gaben. Denn das mußte ihnen zum Trost und zur Aufrichtung gereichen, daß geistig hochstehende, mit erstaunlicher Gelehrsamkeit und Redekraft ausgerüstete Männer sich, gleich den alten Propheten in Israel, mit tinerschrockener Kühnheit immer von Neuem in .die vordersten Reihen stürzten, wo der Kampf am heftigten tobt und die Fahne des Gottesglaubens, die ja auch die Fahne des reinen Menschentums ist, tapfer vertheidigten. Eine, solche hervorragende Größe hat das Judentum zu seinem tiefsten ' Schmerze vor wenig Tagen verloren, nnd es ist für uns eine Pflicht der Pietät und