Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969961-2969963--4057-2977152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
13 „Allerdings eine förmliche Innung. Die Künstler können zur Darstellung biblischer Figuren, sowohl des Alten ivic des Neuen Testaments keine anderen Modelle gebrauchen als unsere Glaubensgenossen und zwar nur mehr noch aus jenen Ländern, wo sich der jüdische Typus rein erhalten hat. Alls dem so verachteten „Salzgries" wandeln die lebenden Bilder christlicher Verehrung und Anbetung. Aus der so verspotteten „polnischen Schül" steigen die Gestalten in die Rahmen der Altargemälde katholischer Gotteshäuser. Soeben hat mich dieser Greis zu einer Versammlung eingeladen, die am nächsten Samstag stattfinden wird. Ich werde Veranlassung treffen, daß Sie derselben als Gast beiwohnen können, und Sie werden da allen den Gesichtern begegnen, die Sie an den Bildern und Statuen der Kirchen des neuen Wien's finden." „Sind auch Jüdinnen die Modelle zu den Heiligenbildern der Frauen des Neuen Testaments?" „Es sind, aber doch weniger als Juden. So ist die Tochter dieses Greises, mit der er vor einem Jahre aus Galizien hierhergekommen, bei diesem Geschäfte. Sie ist in den Ateliers unter den Namen Martha von Bethanien bekannt und mehr als einmal sind wir Beide zusammen als Modell zu dem Bilde der Fußsalbung gesessen. Es scheint, daß die Künstler in Bezug auf die weiblichen Figuren auf den religiösen Bildern mehr der niederländischen Schule hinneigen, und in der That fehlt fast allen Muttergottesbildern das geschichtliche Colorit, die Jüdin wird an ihnen verleugnet." Nach einem noch weiteren Gespräche über diesen Gegenstand trennte ich mich von meinem Freunde mit dem Versprechen, der Versammlung beizuwohnen. Und ich hielt Wort. Der Samstag Nachmittag kam und ich suchte die mir bezeichnete Restauration in der Nähe der Haid aus. In einem Extra-Zimmer fand ich die Gesellschaft um einen langen Tisch. Es war das leib- und lebhafte Abendmahl, wie wir es auf den Heiligenbildern sehen. In der Conversation benannten sie sich mit ihren Atelier-Namen und ich hörte das ganze Register der Apostel, wie sie in der Apostelgeschichte Vorkommen. Außer den um den Tisch Sitzenden standen noch Viele gruppenweise in der Stube, die sich ebenfalls mit ihren Atelier-Namen anriefen. Es war das ganze Alte und Neue Testament da beisammen und man sang zusammen Psalmen, als ob das Christenthum wieder in den Mutterschoß des Judenthums zurückgekehrt wäre. Ich unterhielt mich mit meinem Freunde und dem Greise oder besser mit Jesus und Jeremias, ließ mir von diesem Moses und Jesaias zeigen und von jenem mir den aus dem Wege nach Damaskus Bekehrten vorstellen. Es war wirklich eine interessante Häßlichkeit, voll Geist und Energie, lind auch den Judas mußte er mir Hervorrufen. Ich fand nichts besonders charakteristisch an ihm, als den rothen Bart und einen finsteren Blick, wie er bei Juden selten anzutreffen ist.