Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— ■ 12;V« , Sie sind es in der That, mein ehrwürdiger Jeremms': ich bin es, mein theurer Jesus." nach diesem doppelten Freudenruse umarmten und küßten sie sich Ich ging nämlich einmal mit einem Freunde plaudernd, in einer der damals noch »>enig gepflegten Partien des Praters spazieren. Es war ein junger Schriftsteller, der ein--sehr bedeutendes Talent war, aber nichts auf der Welt besaß, als eir schönes orientalisches Gesicht, was ihm gerade in seinem Fort kommen hinderlich war. Plötzlich hörte er zu sprechen aus, flog mit einem mächtigen Sp mnge auf die andere Seite der Allee, in der wir hinschritten, und warf sich in die Arme eines Greises, der unter einem der schattigen Bäume beschaulich saß. ,,Wis »Ja, Und wiederholt. Ich erkannte in dem Greise, der jetzt ^bessere Kleidung trug, den Bettler von der Synagoge in der Schiffgasse. Ich blieb aus Zartgefühl etwas in der Ferne stehen, j aber es entging mir kein Wort ihres Dialoges. „Bist Du krank gewesen, mein Junge? Man sieht Dich ja nicht mehr unter uns." „Ich habe mich selten gemacht und hoffe, daß cs mir bald möglich sein wird, mich dieses Erwerbszweiges ganz zu cntschlagen. Und Sie sitzen noch fleißig?" „Ja, Tag für Tag;! man muß doch leben! Wie lange noch, weiß Gott, meine Beine j tragen mich nijcht recht mehr und meine Augen versagen niir fast schon den Dienst, mir den Weg in die Ateliers zu zeigen." Dann sprachen sie etwas leiser und geheimnisvoller und ich wich aus Discretion npch um einige Schritte zurück, so daß ich nichts mehr hören konnte, und als mein Frennd nach einer kurzen Weile wieder auf mich zutrat, bemerkte ich ihm, daß dieser interessante Greis auch mir bekannt sei, nur wisse ich nicht wer und was es sei. . „Ftr Sie," antwortete mir der Freund, „habe ich keine Geheimnisse, und wenn ic!) Ihnen bisher nicht meine ganze Armnth enthüllt habe, so entschuldigen Sie ntjici). Ich bin diesem Unglücklicheit zum ersten Male vor drei Monaten in den Ateli ns einiger unserer bekannten Maler und Bildhauer begegnet, welche» wir Beide nie noch viele unserer Glaubensgevssen aus dem Osten, Dank unserem typischen Wesen, als Modelle dienten — und zuweilen thue ich das auch noch heute. Mais muß ja leben und meine Feder ernährt mich nur sehr schlecht. Und so stanken oder saßen wir ihnen denn Modell, er als die verkörperte Trauer des alten Testaments, ich als der Gekreuzigte von Golgatha, nach welchen sie uns umgetauft heben. Er ist für sie nur Jeremias und ich Jesus. Das ist Alles." „S e sagten, wie viele unserer Glaubensgenossen aus dem Osten", sind es denn wirklich viele und gerade polnische oder russische Juden, die diesen Erwerbszweig haben?"