Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Unb doch hätte es nur eines Wortes, einfs^ Winkes bedurft, und die. Schmach war von ihnen genommen, und tausend Arme hätten sich geöffnet, sie M empfangen, und sie wären Fürsten und Edle geworden, überhäuft mit Gold und Ehrenstellen. Aber höher als Leben, Ehr' und Gut stand dem Juden stets sein Judentum: das ist der Idealismus des jüdischen Stammes, der i h n vor allen befähigte, Apostel zu sein der Idee des Judentums unter den Völkern. Diesen Idealismus zu pflegen und zu stärken in deni Heranwachsenden Geschlecht, dasselbe zu begeistern für unsere hohe, geschichtliche Mission, ist die vornehmste Aufgabe des modernen Judentums. Auf der Erfüllung dieser Aufgabe beruht unsere Zukunft. Keilige Modelle. Vor den breiten Stufen, die zum Portale der Synagoge in der Schiffgasse in Wien führen, stand er Tag für Tag, wenn das Publikum den Morgengottesdienst verließ. Er sprach Niemanden um eine Gabe an; aber in seinem Gesichte lag so viel Jammer ausgeprägt, daß nur Wenige vor ihm vorübergingen, ohne ihm mindestens ein Krenzerstück in die knochige, zitternde Hand zu stecken. Ich war damals ittt Trauerjahr um einen teuren Toten und besuchte täglich dieses, in der Nähe nieiner Wohnung gelegene Gotteshaus zum Kaddisch-Gebet. Als ich das erste Mal ihn gewahrte, blieb ich, von diesem Gesichte eigentümlich ergriffen, vor ihm stehen, suchte in den Taschen meiner Weste, die leider gewöhnlich leer waren und fand glücklicherweise einen Kreuzer, den ich ihm reichte. Nun sah ich mich aber immer vor, kargte mir den Kreuzer ab, um ihn diese,n Armen zu geben, denn wer immer ein Leid im Herzen trug, wurde von dieser Jammergestalt angezogen. Ein durch die Jahre arg niitgenommenes und verrlinzeltes Gesicht, eine breite Stirne und zwei große Augen, von welchen eines schon erloschen war, und ein wahrer Apostelbart, der ihm bis aus die Brust herabfiel, weiß tvie ein Lilienbouquet, waren nur äußere Zeichen eines kummervollen Lebens; aber es zeigte sich.in diesem Gesichte die Majestät des Schmerzes selbst, die in dem Beschauer jede wehmütige Empfindung wach ries, nicht der persönliche Schmerz, tvie er an Laocoon oder Prometheus zuin Ausdrucke kam, sondern der Weltschmerz, wie ihn Marius aus dem Schlttt Carthago's oder Jeremias aus den Trümmern Jerusalems enlpsand, der Schmerz, wie er nur noch aus dem Gesichte eines sromnten Juden liegt, der um Zion trauert. Nach einigen Wochen verschwand plötzlich dieser Arme von seinem Standplatz. Er ging mir und gewiß auch vielen anderen Besuchern dieses Gotteshauses wirklich ab, denn ich war schon gewöhnt, ihn als zum Gottesdienste gehörend zu betrachten. Ich vermochte trotz meiner Neugierde nichts über die Ursache seines Ausbleibens zu erfahren, bis mich nach längerer Zeit der Zufall darüber aufklärte.