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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1894-01-01 · Heft 1 (1.1.1894) · p. Seite 10

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 1 (1.1.1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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lich losgebröckölt von dem äußere» Bau des Judentums, seitdem der Strom der neuen Zeit es nmspült! Aber dasjenige, was mit dem Wesen des Judentums durch den geschichtlichen Werdeprozeß sich so eng verschmolzen, daß es in' unserem Bewußtsein als untrennbar v!im Judentum sich eingelebt hat, dasjenige, worin die Idee des Judentums, das Wesen des Judentums seinen geschichtlichen Ausdruck gefunden hat, muß gehalten, muß geleistet werden. Gewiß kostet es Opfer. Aber das Opfer muß abgerungen werden dem irdischen Sinn, den begehrlichen Herzen. Das heißt ja Jude sein, daß wir nicht ganz aufgehen in der Welt des Interesses, daß wir nicht nachgebcu unseres Herzens Gelüsten, daß wir unseren idealen Sinn bethetigcn. Und wo anders könnten wir ihn bethätigen, als in den Opfern, die wir ans dem Altar der Religion darbringen. In diesen Opfern eben soll sich unser Idealismus verkörpern. Solche Opfer aber, auf dem Altar des Idealismus dargebracht, tragen in sich einen ganz wundersamen Lohn. Es liegt in ihnen eine Glückesfülle, eine beseligende Selbstbefriedigung, eine Süßigkeit, wovon nur der zu sagen weiß, der selbst schon d ese Seligkeit empfunden. Man versuche es nur, welchen Schimmer, welchen Dust, welche Poesie, welche Berklürnitg die Opfer, die man der Religion mit freudigem Herzen darbringt, über das diirftigc Leben ausbreiten! Die Religion allein ist es, ivelche uns über die Alltäglichkeit des Daseins emporhebt, welche uns mittkn im Lebensgewnhle mit mahnender Stimme zuruft, daß es noch ein höheres Erstrebenswertes, ein Ideales gibt, welches außerhalb des praktischen Lebens liegt. Darum wird die Religion sich immer in einem gewissen Gegensatz zum reale» Lebe» mit seinem vorwaltenden Nützlichkeitsprincip befinden. Wir dürfen an ihre Forderungen nicht den Ri aßstab dieses Princips legen. Das Judentum kann nicht, ohne Gefahr, von dem Zeitgeist erdrückt zu werden, die verschwommene' Form annehmcn, die ihm Manche geben mochten, das Judentum kann sich dem Leben nicht sklavisch unterwerfen. Tie Zeit darf nicht der Hammer sein, der fort und fort auf das Judentum loshämmert, bis cs so breit geschlagm ist, so platt , und dünn, daß es zerbrechen muß. Ja, i das Judentum verlangt Opfer. Aber nur von uns? Haben unsere Väter nicht größere Opfer gebracht? Wäre das Judentum erhalten worden im Stürm und Drang der Jahrtausende ohne Opfer? Ja, meint man, das waren andere Zeiten; unseren Vätern war es in ihrem Ghetto, dieser weltabgcschlossenen Insel, gar kein Opfer, das Judentum so zu hatten und zu erhalten. Aber man denkt dabei nur an die kleinlichen ltnbegnemlichkeiten. Weiß man nichts von dem Martyrium unserer Väter? Sie haben geblutet für ihren Glauben, sie trugen Schimpf und Hohn, sic ließen sich martern und foltern, sie gingen in die Verbannung, sie bestiege» den Scheiterhaufen — ist das kein Opfer?

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