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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1894-01-01 · Heft 1 (1.1.1894) · p. Seite 9

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 1 (1.1.1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Wer sind denn jene, welche am Judentum zum verächtlichen Verräter werden und Treue, Wahrheit, alles Ewige und Göttliche in behäbiger Selbstsucht verschachern? Diejenigen zumeist, welche längst an nichts mehr festhielten und darum von nichts mehr festgehalten wurden. Nur die heiligen Erinnerungszeichen fesseln uns mit unlösbaren, sichtbaren Banden an unser Judentum; erst durch sie gewinnt die Idee selbst für uns Leben und Wirklichkeit, Wert und Bedeutung. Die religiösen Gebräuche und Pflichten gehören mit zum Wesen des Judentums, indem sie den religiösen Geist, die Idee des Judentums, tragen, wecken und fördern. Das Judentum ist nicht blos Anschauung, blosrJdee, sondern gleichsam eine Erziehungsanstalt zu einer dem Materiellen entgegengesetzten Lebensführung, zur Heiligkeit, wie das Judentum es nennt, zur Herrschaft des Göttlichen im Inneren des'Menschen. Die Idee des Göttlichen ist vom Himmel herabgestiegen und hat das Gewand des positiven Judentums angethan: in diesem Gewand erscheint sie uns und weist mit ausgestreckter Rechten nach ihrem himmlischen Ursprung zurück. Aber man sagt: Unser heutiges Judentum hat seines himmlischen UlL sprungs vergessen, ist zur „Werkheiligkeit" geworden. Der Zusammenhang zwischen Idee und Form ist verloren gegangen, keine Idee haucht Leben ein der toten Form, kein Geist mehr waltet in der leblosen Hülle. — Aber das liegt doch nur an uns. Warum lassen wir die religiöse Thätigkeit zur Werkheiligkeit herabsinken? Warum vergeistigen wir nicht die religiösen Gebote des Judentums? Warum hauchen wir ihnen nicht ein unser ganzes Herz, unsere ganze Seele und bilden sie so um zu dem wahren Ausdruck unseres religiösen Empfindens? Man meint auch, daß viele Formen dem veränderten, oder sagen wir ruhig, dem geläuterten Geschmack unserer Zeit nicht mehr entsprechen. Und — welche Opfer legen sie aus! Man steht mitten im Leben und kann sich seinen mächtigen Forderungen nicht entziehen. Nun, hierin liegt der Kernpunkt des Unterschieds zwischen Fortschritt und Ortodoxie im Judentum. Unsere Ortodoxie ist keine Ortodoxie der Glaubenslehre, sondern der Glaubensthat. Sie will von den Glaubenssormen, die sie von den Vätern überkommen — in der Theorie wenigstens — nicht das Kleinste aüfgeben oder verändern. Der auf dem positiv-historischen Boden stehende Fortschritt aber sagt: Die Glaubensformen sind ihrem Geist nach notwendig und in ihrer überlieferten Form zwar geheiligt durch die Geschichte und darum mit. schonendster Pietät zu behandeln, aber — sie sind nicht unwandelbar. Sie haben in den Jahrtausenden der Geschichte des Judentums vielfach sich verändert, sie haben in den Tagen des Rabbi Johanan ben Sakkai die durchgreifendste Umgestaltung erfahren. Mögen Einige in der althergebrachten Gestalt untergehen und in neuer Gestalt verjüngt zum Leben erwachen, damit ist das Judentum und seine Idee noch nicht in Gefahr. Wie vieles hat sich nicht schon leise, mnmerk-

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