Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 vollkommene Trostlosigkeit und Oede der Herzen sich bemächtigt hatte, das Juden tunt die Welt vor sittlichem Verfall rettete und der jüdische Gottesgedanke und die jüdische Ethik — unter anderem Namen freilich — die Welt eroberte, so ist auch heute noch inmitten einer modernen heidnischen Weltanschauung de-? Judentums Beruf „die Schweizergarde Gottes" zu sein, für ihn Zeugnis abzulegen gegen eine Welt von Spöttern und Feinden. Wir müssen uns ganz durchdringen lassen von dem Benmßtsein, daß wir etwas in uns tragen, was höher steht und mächtiger, dauernder, unvergänglicher ist als alle Strömungen der wechselnden Zeiten. Wir müssen den Glauben an uns selbst gewinnen, wir müssen es wissen, daß ein Lebenssunke glüht in unserm Judentum, an dem auch unsere. Zeit noch das Licht der Erkenntnis entzünden könnte, daß es einen Balsarn mit sich trägt, der der glaubenskranken Menschheit noch ein mal Heilung bringen konnte. — Aber, so mag vielleicht mancher begeisterte Jude in seinem Innern fragen, warum diese stolze große Idee mit einem solchen Wall von Gesetzen umgeben, daß 'wir sie selber dahinter nicht erblicken? ilann denn nicht endlich einmal dieses ganze Anhängsel von Eeremonien losgelöst werden von der reinen Idee des Judentums, damit die Idee um so herrlicher sich entfalte? Welch ungeheurer Irrtum liegt in dieser Meinung! Die Religionsgeschichte der Menschheit bezeugt ans jedem ihrer Blätter, daß eine rein geistige Religion für den Menschen ein Ding der Uninöglichkeit ist. Und wo jemals der Versuch gemacht wurde, eine Religion der reinen Idee zu schaffen, da war es mit der reinen Idee der Religion bald zu Ende. Das Judentum, das seine religiöse Idee mit schützender Hülle umgab, das dem glaubensbedürftigen Gemüttz in den Formen der Religion eine sinnliche Handhabe bot, entging dieser Gefatzr und hat die Idee seiner Religion rein erhalten von unbegreiflichen Mysterien und Glaubensgeheimnisseii. Gleich Cherubim mit flammenden Schwertern halten die religiösen Formen Wache vor dem Paradies des Glaubens und behüten die Idee vor Verdunkelung und Verzerrung. Rein aus dem heiligen Boden der Religion können die Formen nicht ausgerissen werden. Was hat denn eine reingeistige Religion mit dem Leben zu thun? Sie ist ein Ttreitapfel in den Händen der Priester und Gelehrten, aber die große Blasse des Volkes steht ihr teilnahmlos gegenüber. Eine Religion, die nicht in das Leben eingreist, die nicht den Menschen auf seinem Lebensweg begleitet und ihn täglich an sich erinnert, ist keine Religion für das Volk. Die Idee geht den Menschen draußen im Berufsleben, im wilden Taumel des Daseins verloren, meint sie nicht selber an sich mahnt, sie verflüchtigt sich und zerfließt in ein wesenloses Nichts, wenn sie nicht in greifbarer Gestalt erscheint. Der goldenhelle Gehalt des Judentums ist nicht zu erhalten ohne äußere Form.