Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Geschichte haben den ganzen Reichtum ihres nommen Denkens in mir ausgeprägt, und wenn des Festtags Abendroth glüht, steigen all' die frominen Gefühle und erhabenen Gedanken des Festes ans den Gräbern der Vergangenheit hervor und drängen und fluthen an euer Herz. Und ihr wolltet mich von euch weisen und der kühlen, gemüthsleeren Mcnschheitsreligion euch in die Arme ivcrfcn? Aber sehet euch wohl vor, daß ihr nicht in'ü Leere greift, daß sie nicht geisterhaft euch entschwebe, im Nebel verrinnend. Nein, jene konfessionslose Religion, jener Extrakt philosophischer Lehrmeinungen über (Gott? und) Sittlichkeit ist keine Religion, die wir unsere Kinder lehren, an der wir nns selber wärmen können, sie versagt im Lturni des Lebens, sie erquickt nicht und befriedigt nicht, sic tröstet und begeistert nicht. Rein, jene mit jedem Zeitalter wechselnde, von jedem Zeitgeist abhängige, von der gerade herrschenden Wissenschaft gnädigst erlaubte Religion ist keine Religion; sie hat keinen Halt, sie ist ein Baum, den.man ans dem Erdreich gerissen; eine Zeitlang mag er wohl blühen, aber dann welkt er hin, weil er von seinen Wurzeln losgerissen ist. Im geschichtlichen Erdreich muß die "Religion wurzeln, wenn sie blühen und Früchte tragen und schatten spenden soll. Aber warum gerade Judentum? Warum? Ei, wenn der Vorzug der positiven Religion vor der verschwommenen AllerweltSreligion in der Vergangenheit liegt, in der ausgestaltenden Thätigkeir der Geschichte, in der ergreifenden Macht der Erinnerungen, in den andachterweckenden heiligen Gebräuchen, — ist unsere religiöse Vergangenheit keine jüdische Vergangenheit, sind unsere religiösen Früchte nicht vom Baum des Judentums gepflückt, sind unsere heiligen Erinnerungen nicht Lchätzc aus jüdischem Geist und jüdischem Herz gegraben? Waren es nicht Propheten aus jüdischem Blute, Länger mit jüdischen Herzen, Gottesgelehrte mit jüdischem Geiste, die unsere Religion ausgestaltet, waren es nicht jüdische Väter und Mütter und Lehrer, die uns unsere Religion gelehrt haben? Wenn wir als Kinder von Religion gehört und religiöses Leben geschaut haben, war's nicht jüdische Religion und jüdisches Leben? Wenn die Mutter uns die Händchen falten und zum lieben Gott im Himmel beten lehrte, war's nicht der Gott unserer Väter, den ein Geschlecht dem anderen kündete? *) Warum gerade Judentum? Aber ich möchte lieber fragen : Warum nicht Judentum? Hat man geprüft seinen Glaubensinhalt, und es hat j die Probe nicht bestanden? Hat man gewogen mit der Wage und andere Weisheit besser gesunden, daß man sich halb von ihm wendet, daß man seine Kinder freimdem Glauben zuführt oder zuzusühren trachtet? Weiß man nicht, was im)* Judentum ist, *1 Aiini. Aus demselben Grunde mus; das Christentum den, im Chr stcntum Geborenen thcuer sein als die geschichtlich geheiligte J-orni seines religiösen Cmpstndenls.