Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1892)
- Date
- 1892-12-01
- Page
- Seite 266 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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266 sondern unter dem Krummstab des herzlosen Fanatismus. So unglaublich e! klingt, den armen Auswanderern wurde von ihren glaubensverwandten Brüdern selbst ein Trunk Wasser versagt. Ta kanicn ihnen überall, wohin sie gelangten, die Inden entgegen, mit Speise, Trank, Kleidung und Geld und zeigten sich als würdige Nachkommen Abraham's. Tenn das Kennzeichen des Inden ist nickt das dunkle Haar und nicht die Form der Nase, sondern das Herz, das weiche milde, crbarmnnqsvollc jüdische Herz. Wer nicht der Geschöpfe Gottes sich cc- , barmt, sagt der Talmud, mag wohl ein fürstlicher Arier sein, ist aber »iinniermchr vom. Stamme Abrahams. Wir verlassen das Zelt des Patriarchen und begleiten ihn, um Zeugen m sein, wie er der Sachwalter von Sodom ujld Amora vor Gott ist. Er tritt vir (wajigasdi), bald in aufrechter Haltung als Bertheidiger, bald in tiefster Demut Jute ein Bittender. Da fuhrt der Patriarch eine Sprache Gott gegenüber, derm Kühnheit n»s in Erstaunen versetzt. „Fern sei es von dir," ruft er aus, „den Eerechten und den Frevler gleichmäßig juj behandeln und zu vernichten; das ist deiner unwürdig; wie, soll der Richter der ganzen Erde kein Recht üben!" Wok er diese kühnen Worte? Weil der Gott, deifi Abraham anbetet, ein Gott der Gerechtigkeit, ein Gott der Barmherzigkeit,, ein Gott der Wahrheit ist und nicht wie die Regenten ans Erden, die Wahrheit nicht hören will, würden sie es, dürfte man ihnen die Wahrheit laut verkünden, so würde ich, ein Jünger der Phrophettn, vor den »tüchtigsten Fürsten der Gegenwatt, der über den sechsten Teil der Erde regiert, hiptreten und ihm dieselben Worte zurufen, die Abraham vor dem Herrn aller Herren, vvr dem König aller Könige aussprach: Fern sei es von dir, dts zu thun oder zuzulassen, daß es in deinem Namen verübt werde! Man täuscht dich, hintergeht dich, entwürdigt deinen Namen. Siehst du in deiner Nähe die hagere, fahle, lange Gestalt mit einem Auge, aus welchem der Fanatismus sprüht? Sie ist es, die mit unerhörter Grausamkeit deine jüdischen Untertharen behandelt, sie aus ihrer Heimat verjagt, i r die Fremde hinaustreibt, in Not und Elend stürzt. Hörst du diese Klagetöne und dieses Jammergeschrei? Es ist ne herzzerreißende Stimme deiner jüdischen Unterthauen. Siehst du den Strom v!on Thräncn, der da fließt? Es sind die Thränen tausender Mütter, die um ihre hart bedrängten Kinder weinen. Kann ich darf ich, so reden? Der Patriarch aber spricht in diesem Tone vor Gott fü: Sodom und Amora und erst nachdem er erführt, daß nicht einmal fünfzig Gerechte in den beiden Städten sich finken, betet er um Schonung., Auch ich würde gerne mich demütig beugen, in die Kmee sinken vor dem mächtigsten Regenten unserer Zeit und ihn flehe itlich anrufen, daß er um zehn Gerechter willen Schonung gebiete und das Alf- Hören der Grausamkeit befehle. Oder sollte es in seinem Reiche.nicht zehn gerechte Juden geben, sind sie alle, alle Sünder, Verbrecher und Übertreter i>es Gesetzes? Allein auch dies, zu bitten und zu dem allgewaltigen Herrscher zu flehen, ist mir nicht gestattet. Der Patriarch hört auf zu reden, nachdem er vernommen, daß es in den beiden Städten nicht einmal zehn Gerechte giebt und wir, seine Nachkomnen wollen zu unserem Wahlspruche seinen Ausruf wählen: „Der Richter der ganzen Erde muß Recht üben," wollen als Anhänger und Anbeter dieses gerechten nnd barmherzigen Gottes stets Gerechtigkeit üben und selbst gegen Jene, die uns bedrängen und bedrücken, bavmherzig sein Und Nächstenliebe bethätigen.