Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1892)
- Date
- 1892-11-01
- Page
- Seite 257 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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257 wolle» wir ei» Urteil über dasselbe anführen, das aus dein soeben erschienenen Buche von Friedrich Cnrtius über Heinrich Gelzer (Gotha, 1892. S. 5 F. A. Perthes) stamnit, dessen Widmung der Großherzog Friedrich von Baden angenommen hat. „In der That enthält das alte Testament ein System von Gedanken, welche dem neuen Testament ganz fremd und doch für eine christliche Weltanschauung unentbehrlich sind . . . Das neue Testament enthält die ewig gültigen Grundzüge des sittlichen Lebens für den Einzelnen, die Familie und die kirchliche Gemeinschaft. Aber es giebt schlechterdings keine nationale Ethik. Es enthält keine anderen politischen Grundsätze als das Gebot des Gehorsams gegen die Obrigkeit, keine Weisungen für das Leben und Handeln der Nationen. Daher die Mißgriffe und Mißverständnisse bei der Betrachtung von Fragen aus Gesichtspunkten des neuen Testaments, daher die ganz entgegengesetzten Resultate, zu denen aufrichtige Christen kommen konnten, wenn sie eine politische Tagesirage nach dem Canon des Evangeliums beurteilen wollten. Soll man hieraus folgern, daß die normale Gesinnung des Christen eine völlige Indifferenz gegen die Welt des Staates sei, eine demüthige Unterwerfung unter die Ergebnisse der politischen Entwickelung, wie unter das Walten der Natyrkräfte? Keineswegs, sondern das neue Testament hat seine notwendige Ergänzung in dem alten Testament. Hier ist eine Fülle nationaler Ethik» religiöser Politik. Hier ist vor allem der gemeinsame Grundgedanke des Staatsrechts und der Politik — die Persönlichkeit des Volks — mit einer genialen Sicherheit und Klarheit vorgetragen, wie sonst nur in den Schriften der römischen Juristen." — Auf der in Main; stattgehabten Generalversammlung der Katholiken Deutschlands wurde von verschiedenen Seiten die Unveräußerlichkeit der Gewissens- und Religionsfreiheit betont und die Anwendung dieses Pinzips auf die Juden ausdrücklich verlangt. — In Eorschenbroisch ermahnte Herr Weihbischof Dr. Fischer bei Gelegenheit der Firmung in einer Predigt die Anwesenden zur Duldsamkeit gegen Andersgläubige, speziell gegen die israelitischen Mitbürger und sprach seine Mißbilligung über die in einigen Gegenden vorgekommenen Ausschreitungen gegen die Juden aus. Solche Mahnungen thun in dieser vom Antisemitismus verseuchten Gegend not- — Von der Kanzel herab erfuhr in Kerlin der Antisemitismus eine scharfe Verurteilung durch den Prediger Koßbach in der „Neuen Kirche." Der bekannte liberale Kanzelredner sprach über die Erzählung vom barmherzigen Samariter. Er führte dabei aus, man sollte eigentlich voraussetzen, daß auch der einfältigste Mensch dieses klare Gleichnis sofort verstehen müsse. Dem sei jedoch nicht so Wie die antisemitische Bewegung zeige, besännen sich manche Christen auf die Grundfordernngen des Christentums recht wenig. Neulich habe ihm Pfemand, der sich als „Besucher der neuen Kirche" Unterzeichnete, in einem Briefe einen Vorwurf daraus gemacht, daß er, der Prediger Hoßbach, seine Namensunteriä)rift zu einem Aufruf hergegeben habe, welcher bezweckte, einer jüdischen Familie, die durch Unverstand der Christen ruinirt worden war, wieder aufzubelfen. — Hieraus könne man ersehen, daß es sogar noch heute christliche Kirchenbesucher gebe, die dem Samariter von seinem Werke abraten unter dem Hinweis, daß der unter die Mörder Gefallene ja ein Jude sei, dem ein Christ nicht helfen dürfe und den Samariter gewissermaßen aufforderten, dem Priester im Gleichnis zu folgen. — Der Chefredakteur der „Kreuzzeitung", Herr Freiherr v. Kammerstein, ist wegen Beleidigung des Licentiaten Gräbner, des Vorsitzenden des Vereins zur Bekämpfung des Antisemitismus, zu IM Mk. Geldstrafe verurteilt worden. — Der frühere Rabbinatskanditat Paulus Meyer, der später zum 22