Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1892)
- Date
- 1892-11-01
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gerichtshof aber nahm die Sache sehr ernst. Es wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet, welche mit Hilfe eines erschöpfenden Beweismaterials das Stadtoberhaupt als wirklichen Mörder hinstellte. Dem Gesetze und der Gerechtigkeit wurde Genüge geleistet. Für die Juden erfolgte ein Freispruch in sehr belobender Fassung, wobei auch ihres gottbegnadeten Rabbiners in Ehre» Erwähnung geschah, dem die Verhütung einer grausamen und ungerechten Justisiciruna auf so wunderbare Weise zu verdanken war. Zurückgekehrt von dieser für beide Teile denkwürdigen Procedur, war cs nun die erste Sache des Vorstandes, das Versäumte nachzuholen und den Rabbiner mit größten Ehrenbezeugungen in sein Amt einzuführen, und wie in einem Triumphzng wurde der Gefeierte, umgeben von einer unübersehbaren Menge Gemeindeungehöriger »ach der für ihn bereitgehaltene», mit allem Comfort prachtvoll ansgestatteten Wohnung geleitet. Voic allen Seiten gab sich das eifrige Bestreben kund, tnrch allerlei kostbare Geschenke und sonstige Merkmale der hohen Verehrung ihm wo möglich Ersatz zu bieten für das, was ihm durch den Bubenstreich c irres habsüchtigen Gewalthabers versagt, werden mußte. Hier überlassen wir ihn den massenhaften Besuchen der ihn begrüßenden Talmnd gelehr ten, welche durch angeknüpfte Conversation bald die Ueberzeugung gewann:», daß die Gemeinde in jeder Beziehung eine sehr glückliche Acquisition an ihm gemacht habe. Ls kam nun der Sabbath, an welchem der Rabbi seine Antrittsrede abhalten sollte. Die spannende Neugierde, die sich aller Gemüther bemächtigt, läßt sich leicht vorstelle». Lauge noch vor den anberaumten Gebetstunden strömten die Gläubigen, jung und alt, Männer und Frauen, Gelehrte und Unwissende, ans alstn Enden der Stadt herbei; Kopf an Kopf, Schulter an Schulter standbn sie da, alle Räume des Gotteshauses füllend, und nur mit großer Mühe konnte für den eintretenden Rabbi ein freier Weg zu seinem erhöhten Betpulte gebahnt werden.! Endlich trat er die paar Stufen hinan vor die heilige Lade. Athemlos horchte Alles auf. Man sah hier eine kleine Armee kampflustiger Talmudiste» die oberen Reihen der Betplätze occupiren, und das in gehobener Stimmung lauschende Pnblikum sah und hörte und fühlte schon, teils rnit stillem Gaudinm, teils mit Unwillen, die entfesselten Elemente auf die Disscr- 'tation des Redners losstürzen, doch zur allgemeinen Verwunderung war von all' dem nicht das Geringste geschehen. Die Dissertation war so gediegen Gehaltenes, so klar, so gründlich und überzeugend und aus einer alle Begriffe übersteigenden gci'treichen Zusammenstellung von Grundsätzen aufgebaut, daß von keiner Seite irgend welche Einwendung dagegen erhoben werden konnte und auf den freudestrahlenden Gesichtern der Sachverständige» die ungeteilte Befriedigung sich abspiegelte. Nur eine einzige Oppositionsstimme lies; sich zuletzt vernehmen. Der Rabbi citirte eine Stelle aus dem berühmten „Schach", tvclche er als nicht zutreffend erklärte. Nicht weit von ihm stand ein als Streitgeist bekannter alter Gelehrte, einstiger Schüler vom „Schach." Ihn verdroß die Kritik gegen seinen Lehrer und er interpellirte den Rabbi in heftigen Angriffe», die aber tapfer zurückgeschlagen wurden. Die Debatte aber wurde immer stärker, und so sehr sich der Rabbi bemühie, den Schreier auszuklären und zu belehren, er wollte durchaus nicht nachgeben, und ward immer dreister und verletzender in seinen Ausdrücken. Das war deni Rabbi endllch doch zu arg. Da wandte er sich gegen die heilige Lade um, öffnete sie und sprach: „Herr der Welt! Du weißt cs, daß ich nur aus Ergebung in