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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1892-11-01 · Heft 11 (1.11.1892) · p. Seite 247

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 11 (1.11.1892)
Date
1892-11-01
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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247 hohen Firste» anderer hervorragender Hochbauten; doch die Spitzen der Juvengemeinde ließen sich gar nicht blicken, um den erwarteten Rabbiner geziemend zu empfangen. Was sollte dies bedeuten? Mußte nicht diese Unterlassungssünde gar als ein böses Omen gedeutet werden? Wer wollte so klug sein, die Ursache hiervon zu erraten? Welch'qualvolle Vermutungen durchkreuzten die Gemüter der Deputirten, ihrem neuen Rabbiner gegenüber! Und was mußte dieser sich denken! Rur Geduld, lieber Leser! bald werden sie von diesen Qualen erlöst — aber nur, um andere, viel schmerzlichere dafür einzutauschen. Eben hält der Wagen vor dem Hause des Vorstehers, wo sie eintreten. Dieser über das befremdende Benehmen zur Rede gestellt, bat um Entschuldigung da es leider mcht möglich war, der schuldigen Ehrenpflicht nachzukommen, denn die Gemeinde schwebe gegenwärtig in größter Gefahr. Es wurde nämlich vor wenigen Tagen ein christlicher Knabe tot aufgesunden, und die Juden werden von dem residirenden Bürgermeister beschuldigt den Mord begangen zu haben; der hohe Gerichtshof, geleitet von dem präsidirenden Bürgermeister, hat bereits über die Angelegenheit verhandelt und den Machtspruch ergehen lassen, daß die Gemeinde verhalten wird, den Mörder binnen drei Tagen auszuliefern, widrigenfalls alle Juden ausgcwicscn und ihres Vermögens verlustig erklärt werden. In dieser traurigen Lage, fuhr der Vorsteher fort, müssen wir den Herrn Rabbiner mit der Bitte empfangen, uns mit weisem Rate beizustehen. Der Rabbiner erwiderte hierauf: „Da ich mit den hiesigen Verhältnissen und Gesetzen ganz unbekannt bin, so kann ich augenblicklich nur das eine raten, daß der Vorstand um die nochmalige Einberufung des hohen Rates mit ihrem Präsidenten, dem Bürgermeister, ansuche, und zwar mit der Beifügung, daß auch ich als Oberhaupt zugezoge», so wie auch, daß der Leichnam in den Gerichtssaal gebracht werde. Der Vorstand that wie ihm geheißen, und auf seine dringende Bitte trat der Gerichtshof, mit dem Bürgermeister als Präsidenten, abermals zusammen und ward nnch der Rabbiner gerufen. Der ermordete Knabe lag neben dem grünen Tische, nahe bei dem Richtersitze am Boden hingestreckt. Der Bürgermeister begann nun seines höllischen Amtes zu walten, indem er an die Angeklagten die Frage richtete: „Wissen die Juden, wessen Sie beschuldigt sind? Und was haben Sie darauf zu erwidern?" Da trat der Rabbiner vor, sich tief verneigend, und sprach.-„Möchte mir als dem Vertreter meiner Gemeinde, ein hoher Gerichtshof auch eine Frage gnädigst gestatten?" Der Bürgernieister bewilligte ihm die erbetene Frage. Darauf nähette sich der Rabbiner dem Leichnam, beugte sich über ihn, indem er eine kabbalistische Beschwörungsformel sprach, dann sagte er mit lauter Stimme: „Wer hat Dich ermordet?" Da erhob sich der Tobte vom Boden, stand kerzengerade da und wies mit der ausgestrecktrn Hand schnurgerade auf den neben ihm sitzenden Bürgernieister. Wie von einer Tarantel gestochen, schnellte dieser von seinem weichgepolsterten Lehnsitze auf, um gleich wieder todtenblaß und am ganzen Körper zitternd zurückzusinken. Auf einen solchen Verräter war er nimmermehr gefaßt. Diesem Ankläger gegenüber konnte er keine freche Stirne zeigen! Aller Augen waren auf ihn gerichtet; er zeugte ja selbst unbewußt gegen sich. In seinem Wesen niedergeschmettert, raffte er sich mit Mühe zusammen, uin unter einem vorgeschützten Uebel den Gerichtssaal zu verlassen, und nicht wieder zu erscheinen.

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