Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1892)
- Date
- 1892-10-01
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969947-2969958--3657-2977054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
226 — Lencm's ,Iom Kippur." Im Jahre 1873 hielt ich mich in Karlsbad auf, wo ich die Bekanntschaft eines geistvollen Polen machte, der über Dinge und Menschen anziehend zn sprechen verstand und sich als gründlichen Kenner der deutschen Literatur und Lenau's erwies, mit dem er seinerzeit in Wien Umgang gepflogen- Als ich ihn bestiirmte, mir über Lenau Alles, was er nur wußte zu sagen, erzählte er mir unter Anderen folgende Reminiscen;: „Es war am Borabend des Bersöhnungsfestes. Ich hatte die Synagoge verlassen, um mich nach Hause zn begeben. Auf der Straße begegnete ich einem in einen Mantel gehüllten Manne, den ich bei Laternenschein als mein'en Frernid Lenau erkannte. „Woher des Weges," frug ich „Ich komme aus der Synagoge, die ich seit vielen Jahren an diesem Abend anfzusnchen pflege. Ich sehne mich eben nach diesem Feste, das mir Gelegenheit bietet, mich so recht nach Herzenzlust ansznweinen, die schwermütigen Klänge des .,X,,I->ilckre" in denen sich ein namenloses Weh' ausspricht, sind meinem Herzen Bedürfnis. „So ich diese erschütternde Melodie vernehme tauchen vor meiner Seele trübe Bilder auf, Leidensscenen eines Volkes, dessen Geschichte kaum etwas Anderes ist, als eine seit Jahrtausenden dahinfließende Zähre. — „Dock, es ist kühl! Eilen wir! Sie, mein Freund, begleiten mich doch?" Ich war hierzu sofort bereit und eine Viertelstunde später betraten wir schweigend Lsnau's Zimmer. Lenaü' griff nach seiner 'Geige und entlockte ihr die eigenartigen Töne des soeben gehörten „Xvl-Xickro^ so wehmutsvoll und herzzerreißend, wie es jene Klagelieder gewesen sein mochten, die Israel au den Strömen Babels einst aiigestimint. Er spielte die Pkelodie und spielte sie wieder, bis sein Antlitz von Thronen überströmt war. Dann schüttelte er den Kopf, legte das Jnstrnment beiseite und mir die Hand zum Abschiede reichend, murmelte er: „Ein eigenthnmlich Lied, ein eigenthümlich' Volk!" Ich drückte seine Siechte unq verließ wortlos das Zimmer. E. Herzog. Nicht Besiegten (die Me Ausbreitung des Judentums. von Dk. Hamburger, Landesrabbiner in Strelitz. (Fortsetzung) minder erstaunt spricht Seneca: „Wie durch das ganze eroberte Land die Inden) den Siegern Gesetze gegeben haben." *) Welche Umwandlung! Welche Umkehr in der Sinn- und Denkweise, in der Gefühls- und Herzensstimmung der Nichijnden! Keine Schmähung, Verspottung und Verfolgung des jüdischen Volkes von Seiten seiner übermütigen Besieger, auch nicht die den Heiden absonderlich erscheinenden und als Aberglauben verschrieenen Gesetze und Bräuche der Inden waren im Stande, diesen Zug zum Judentum zu stören oder auch nur aufzuhalten. j Es liegt offenbar dajnn der Beweis, daß es keine äußern Ver- ‘) Nach Apostelgeschichte (8. 28. j kam ein Profelyt Kandaka, Schatzmeister der Königin von Aethiopien,! nach Jerusalem, um dorr zu beten, der aus seiner Rückkehr das Buch Jesaia las-