Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1892)
- Date
- 1892-09-01
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Der erhabene Wunderbau des Judentums steht da, ganz anders, weit herrlicher als die sagenhaften Wunder seiner Vorzeit. Der edle sittliche Gehalt, die Lebensfreudigkeit, die Geistesklarheit, die Herzensinnigkeit des Judentums lebt, glüht und wird leben und fortglühen, nicht in den Kochtöpfen, nicht in den Schacht- und Beschneidemessern, nicht in den ungesäuerten Broten und Widderhörnern, nicht in den Altertümern, sondern in den Herzen und Geistern. So soll, so muß unsere Jugend niit jüdischem Geist und Wissen erfüllt werden, nur so werden wir wahre Pietät erhallen, nur so die widerlichen Erfahrungen beseitigen, daß Eltern ihre Kinder zum Taufbecken führen, daß unsere Jugend sich kalt, abstoßend und abäestoßen zum Judentum verhält. Laßt uns getrost fortarbeiten mein Freund, auch Sisyphus konimt endlich zu Stande, der Tropfen höhlt den Stein des Vorurteils und des Wahnes. ‘ Worte Zur Erinnerung an H'rof. Ar. K. chräh. Gesprochen in der Synagoge zu K. . n von Dr. L.s.! In allen:Straften Trauer, i In allenGassen ruft mau wehe! wehe! (Am. 5,16) Vor wenig Monden hat man einen Mann zu Grabe getragen, wie ihn dieses Jahrhundert in Israel nicht größer hervorgebracht hat. Prof. Dr. Heinrich Grätz ist heimgegungen zu seinen Vätern. . Getreu dem altehrwürdigen Brauche die teuren Geschiedenen an bestimmten Tagen an unserem Geiste wieder vorüberziehen zu lassen, hat jeder Lehrer in Israel der zumal, zu den Füßen des großen Weisen gesessen, hie heilige Pflicht, so vielen die da kaum kennen mögen seinen Namen, zu künden von seinem Ruhme, daß in uns allen Wiederhall finde das Prophetenwort: „Tochter meines Volkes, traure um den Einzigen» stelle an eine bittre Klage, denn plötzlich ist der Verwüster über uns gekommen." (Jer. 5,26.) „Tochter meines Volkes, traure um den Einzigen." In einem Alter, das nicht viele erreichen und die wenigsten im Vollbesitz geistiger und körperlicher Kraft, war es ihm durch ein gnädiges Geschick beschieden, in voller Lebenssülle dazustehcn vor dem neuen Geschlecht. Wie eine gigantische Erscheinung ans einer untergegangenen Welt erschien uns, die wir das Glück hatten ihm näher zu'treten, diese reichbegabte Persönlichkeit, die „um Haupteslänge ragte ob allem Volke," in der sich in glänzender Weise alle die verschiedenartigen Begabungen der schöpferischen Geister vereint fanden, durch die die moderne jüdische Wissenschaft in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts zum Leben erweckt wurde. In einem kleinen Poscn'fchcn Städtchen geboren, war er zu einer Zeit schon völlig heimisch auf dem unermeßlich weiten Meere des Talmud, wo ein Knabe moderner Erziehung, um Barmizwah, ein Sohn, des Gebotes zu werden, dreier Monate mühsanier Verbreitung für die Aneignung von Thorasegensspruch und Lesen einiger unpunktierten hebräischen Worte bedarf. Aber dieser seltene Geist wollte sich nicht genügen lassen an dem Jdeenkreis, den er in sich ausgenommen und über den in seiner Umgebung wohl niemand je hinausgekommen ist. Mit Ungestüm warf er sich in das Getriebe des modernen Lebens, er trat hinaus auf die grüne lachende im Schmuck duftender Blumen reich prangende Flur moderner Wissenschaft, zu werden, was sein Ideal damals war und unser aller Ideal sein soll, „ein moderner Mensch und ein frommer Israelit, gläubig und gebildet, weltlich und religiös."') ') Rippner „Grätz" cf