Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1892)
- Date
- 1892-09-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 Judentum von tausend- und hundertjährigen Schlacken zu befreien. Nur daß es nicht die Arbeit eines Berdammten ist, nur daß es keine aussichtslose ist, so schwer, so ermüdend sie auch ist, so undankbar sie auch in den Augen der Erfolgsanbeter erscheinen mag. Gutta cavat lapideni, der Tropfen höhlt den Stein. Äkit vis ist auch hier nichts auszurichten, aber saepe cadendo, rastlose, ««»beirrte Arbeit, die ist erforderlich. Sisyphus! so rufen uns, nicht ironisch >vie Du, sondern ernstlich und entrüstet, ja wohl mit minder klassisch gewählten Worten alle Die zu, die am Alten hänge», sei es aus Gewohnheit, sei es aus Bequemlichkeit, sei es aus Aberglauben, sei es aus „Pietät" wie sie es nenne», sei es aus Berechnung und Erwerbstrieb, sei es aus ehrlicher Ueberzengnng. Ans „Pietät!" Wie oft muß dies schöne Wort hechalten, um den Gegensatz, die Pietätlosigkeit zu verdecken. Pietät! Von ihr erfüllt wähnt »nd tröstet sich der Sohn, wenn er als Greis noch die Bräuche übt, die er dereinst in seiner Kindheit im Hanse der Eltern und Großeltern üben sah, mögen sie ihm für seine Person auch noch so wenig Zusage», noch so abgestanden und absonderlich vorkomme». Und mit solcher „Pietät" erben sich Bräuche und Mißbräuche fort: „wehe Dir, daß Du ein Enkel bist." Diese sogenannte „Pietät" hat nur das Auge nach rückwärts, ans alte, läiigstverflossene Zeiten gerichtet, sie hat keinen Blick, kein Berständniß für die Gegenivart, keine für die Zukunft. Das Bedürfniß der lebenden Mitwelt, der aufwachsenden Nachkommen inacht ihr keine Sorge. Pietätvoll gegen die Tobten wird diese Auffassung pietätlos gegen die Lebende», gegen die Kinder. Wohl ist die Pietät schön und erhaben, die sich in Verehrung für alles Perehrungswnrdige, in Ehrfurcht vor dem greisen Haupt, in dankbarer Würdigung des von den Eltern und den Alten geübten Guten, in liebevoller Nückerinnerung an die von ihnen erhaltene Unterweisung im Edlen, an ihr vortreffliches Vorbild, an die mit ihnen verlebten schönen Zeiten des Fainilienfriedens, der herzlichen und herzerhebenden Weihestinimung an Festen, kundgiebt. Das ist echte Pietät. Die hat aher nichts gemein mit jener gemachten Pietät, die alte Bräuche, wie aufgewärniten Schalet, mit dem Bewußtsein, wiederauftischt, daß sie überlebt, wertlos, inhaltlos seien. Diese Talmi-Pietät verhält sich zur echten, wie die blüheiide Rose zu der int Herbarium eingeklebten vertrockneten Blume. Noch Andere halteil an jedein der absonderlichen Bräuche fest, nicht sowohl aus Gründen des Herzens, sondern aus kühler Verstandesberechnung. Ihnen erscheint unser Judentum wie eine künstliche Maschine mit einer Unzahl von ineinanderlaufenden Rädern. Jedes von den unendlichen Ge- und Verbote«« des Cerenionials, der Speisen- und Nichtspeisen Anordnungen, des Fastens u. s. «v. dünkt ihnen — nicht Gottgebot, das zu behaupten rviderstrebt ihrer besseren Einsicht — aber: Schutzmittel, Vorsichtsmaßregel, Polizeivorschrift. Sie meinen: eine Niete aus der Maschine herausgezogen, bringe die ganze Maschine in Verfall, mache das gesannnte Räderwerk zu alten« Eisen. Welch eine niedrige Auffassung von unsre««« Judentum, daß ein Lufthauch es zusanunenblasen könnte, gleich den« Kartenhaus eines Kindes! Fürwahr, von allen Gründen für Beibehaltung der veralteten Bräuche ist dieser nüchterne Verstandesgrund der schlechteste, denn er geht von der niedrigsten Auffassung des Judentums ans. Das Baugerüste.ist nicht daS Hans. »Es hat für die Uebergangszeit des Aufbaus gute Dienste geleistet. Steht das Bauwerk fertig da, dann 'muß das Gerüst abgebrochen werden. 17*