Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1892)
- Date
- 1892-08-01
- Page
- Seite 188 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969947-2969956--3615-2977010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
188 auf den Börse» in Paris und London ausgegeben worden. — In London treten Reformbewegungen innerhalb der verschiedeneu jüdischen Synagogen mächtig hervor. Es wird öffentlich von den Kanzeln verkündet, daß die Gebete dem alten Ritus nach, keine Andacht erwecken, zu lange dauern und der Zeit nicht entsprechen. Am 16. Mai fand aus diesem Grunde unter Vorsitz des Chief-Rabbi Herrn Dr. Hermann' Adler eine Rabbinerversammlung statt, die von sämtlichen Gemeinden Englands beschickt wurde, u»l hierüber Beratungen zu pflegen. — Nach einer Mitteilung, des „Jewish Chronicle" hat der Chief-Rabbi, Herr Dr. Adler in London, hie Einführung eines gemischten Chores in der Hammersmith- Synagoge gebilligt. Er hat dadurch gezeigt, daß er nicht mehr auf dem Standpunkt des Schulchan Acuch, steht und die berechtigten Forderungen der Zeit anerkennt. — Am 24 Mai am Geburtstage der Königin, vollzog sich in London eine sehr würdige und erhebende Feier. Lord Rothschild, der Präsident der Vereinigten Synagogen legte den Grundstein eiuer Synagoge in Whitechapel. Herr Oberrabbiner Adler hielt eine Rede in welcher er besonders in tiefster Dankbarkeit des hohen Schutzes gedachte, welcher den russisch jüdischen Flüchtlingen, für welche hauptsächlich die neue Synagoge bestimmt sei, hier im Lande religiöser Duldsamkeit und religiösen Friedens gewährt wurde. Die Feier wurde an dem Geburtstag der erhabenen Monarchin vollzogen, uni den Gefühlen inniger Dankbarkeit beredten Ausdruck zu geben. Nach Absingung einiger Psälmen intonirte die Gemeinde die englische Nationalhymne in hebräischer Sprache. — Der englische Schriftsteller Herr Arnold Withe, welcher als Abgesandter des Baron Hirsch die Verhältnisse der russischen Juden aus eigener Erfahrung kennt, hat folgendes Schreiben au „Darkest Russia," eine in London im Interesse der verfolgten Juden erscheinenden Zeitschrift, gerichtet; „Ich habe kein Recht, davor zurückzuschrecken, meine Ansicht über die russische Judenfrage frei auszusprechen. So lange die jüdische Rasse so geschickt, so mäßig und so unermüdlich bleibt, wie sie jetzt ist, wird keine Politik bürgerlicher und rellgiö er Rechtsvorenthaltung mitsamt Vertreibung von dem Boden der Heimat, (abgesehen von einigen übervölkerten Städten) eine andere Wirkung haben, als die charakteristischen Eigenschaften der jüdischen Rasse noch zu steigern. Da der Massenauszug der israelitischen Bevölkerung aus Rußland den Bankerott Rußlands zur Folge haben würde, hoffe ich noch immer, daß Rußland in seinem eigenen Interesse seine jetzige Politik in der Sache aufgiebt. Da die Juden, welche Russen sind, sich ihrer Nationalität nicht entäußern können, müsse» sie in ihren Leiden auf ihren Zaren als Helfer blicken. Würde der Kaiser sie anhöre», sie würden ihm erzählen und das der Wahrheit gemäß, von dem weitverbreiteten! Elend, von Vertreibung von Haus und Hof, von Trennung von Weib und von nntergegangener Honnung der Alten, vom frühzeitigen Altern der Jungen, von der Not in den Hospitälern und der Unterstützung beraubter Schulen, und vor Allem würde der Kaiser zu hören bekommen von dem Verfall der Würde der Männer und Frauen der ganzen Rasse unter den Verhältnissen, worin sie gezwungen sidd, zu existireu. Und der Kaiser könnte diese Dinge mit einem Federstrich ändern," — Nach der neuesten Nr. der „Darkest Russia" sieht man in den höher» Cirkeln der russischen Aristokatie der Mißhandlung der Juden mit weniger Befriedigung als früher $u. Die energische und thatkräftige Verwendung des Auslandes (und besonders die der ausländischen Juden) scheint nicht erfolglos geblieben und sogar von de» höchsten Behörden zur Notkz genommen worden zu sein. — Herr Prof. Dr. Glugr, Arzt und med. Schriftsteller in Krüssel wurde anläßlich des fünfzigjährigen Jubiläums der Akademie von der Medicin zum Ritter