Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1892)
- Date
- 1892-08-01
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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175 Streben nach Freiheit und Aufklärung sich regten und es dazumal noch eine „Lust zu leben" war, aus jener Zeit der dreißiger und vierziger Jahre, da ein Perl, ein Krochmal, ein Rappaport und ein Mises blühten, die der neueren Wissenschaft und Culturentwicklung des Judentums' das Wiegenlied sangen, dachte ich, ragt allein noch die ungebrochene Erscheinung, die mir entgegentrat, herüber — eine starke Säule, der Rest entschwundenen Glanzes. Kaum hat die Last eines hohe» Alters (genau ist es nicht bekannt, doch die Grenze der „Mächtigkeit" hat es zum Mindesten erreicht) die Gestalt des für Licht und Wahrheit stets so kampfgerüsteten „Streiter" gebeugt, das lebhafte, Helle blaue Auge zeigt mit seinem eigentümlichen Glanze von unerschlaffter Geistesfrische und jedes Dunkel scheuender Denkklarheit; der stechende Blick, aus dem einstens auf den Gegner glühende Pfeile vernichtend schosst», ist nur etwas gemildert und freundlicher geworden, die Lippen, die man stets von hämischen Satyre und spöttelndem Witz umspielt wähnen möchte/ konnten sich doch, da ich ihn begrüßte, zu einem wohlwollendem Lächeln sogar zusammenziehen. — Wie seine äußere Lebensweise, um derentwillen er von der Umgebung nicht wenig verhöhnt wird, noch immer Kraft und Zähigkeit, so verrät auch jede seiner Aeußerungen über seine eigenen wissenschaftlichen Leistungen, sowie über die Anderer ein stark ausgeprägtes Selbstbewußtsein. Wenn er in litterarischen Dingen keinen Widerspruch duldet, so geschieht dies jedoch keineswegs aus schwächlicher Eitelkeit, die nach Lob und Beifall von außen hascht, sondern im Gegenteil ist er so sehr von dem Werte seiner Geistesprodukte überzeugt und durchdrungen, daß er mit Stolz fast verächtlich auf de» ihm kleinlich vorenthaltenen Ruhm von der Höhe herabblickt. Er klagt niemals über Mangel an Anerkennung, die ihm versagt wurde. Wer von den Epigonen soll sie ihm denn zollen? Wo hat man auch jetzt das richtige Verständnis für seine Forschungen oder wo will man es ihnen entgegenbringen? Von den Strengconservativen seines engeren Vaterlandes, als Feind der Religion, als Ketzer mtb rad'rcaler Zelot ob der heftigen Angriffe gegen das traditionelle Judentum und seine alten Lehrer verlästert und gehaßt, bemühte man sich früher sogar auf dieser Seite, allerdings mit nicht viel Glück und Erfolg, dem „gerüsteten Kämpfer" („Hechaluz") mit geistigen Waffen zu begegnen; ma»l sprach ihm dabei jedes Verdienst ab und suchte jede Bedeutung von ihm „abzuthun." Die leicht rationalistischen Ailfklärer („Maskilim"), Nachtreter der von abgeschwächt Mendelsohn'schem Geiste großgezogenen galizischen Measfimschule, sie hatten wohl schöngeistig angehaucht, Schor's trefflichen hebräischen Stil, seine gewandte spitze Feder, den elastischeil Schwung seiner Diction bewundern können, für ernste wissenschaftliche Strebungen jedoch geht ihnen völlig der Sin» ab, diese sind sie nicht im Stande zu würdigen. — Und draußen auf „deutschem Boden" sowie jenseits der schwarzgelben Pfahle? In früheren Jahrzehnten war es doch noch anders; da gab es einen Jost, einen Geiger» einen Luzzatto, eine» N. Brüll, selbst eine» oft geschmähten Rappaport und Graetz, die wußten aus der bitteren ungenießbaren Schale den Kern seiner Geislesfurcht herauszufinden; heute beobachtet das jüngere philologisch und historisch geschulte Geschlecht kaum mehr den kühnen Gelehrten, über dessen etwas zweifelhafte, zur Erklärung des Midrasch dienende griechische Wortbildungen, die nicht einmal das Lexikon aufweist, man wie über den Dilettantismus oder wie — Charlatanerie eines Autodidakten mitleidig die Achseln zuckt; über den persischen Studien des leicht zur Einseitigkeit geneigten» in's Extrem ausschweifenden originellen Forschers werden die in der -jüdischen'Literaturgeschichte bleibend fest-