Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1892)
- Date
- 1892-07-01
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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153 gilt, der au der Spitze der Biirgerschaft steht. Freilich, umgekehrt, wenn dieselben „Spitzen" etwas vornehmen und den Rabbiner ausschlössen — dann wäre es jenen Klugen auch nicht recht. Dann sprächen sie von Ausschließlichkeit, von „Rischus." Und sieh Dich um im Alltagsleben, wohin Du blickst iiberall findest Du, welch' eine traurige Schranke die Speisegesetze aufrichte». Da ist ei» armes Waisenkind. Es fehlt an Unterkommen. Das städtische Waisenhaus könnte Ls aufiiehmen — ja. sagen die Hüter der Frömmigkeit, das geht nicht, da müßte es ja „trefe" essen! Eine Kranke soll ins StadtkrankenhanS kommen — die Pflege ist gut, aber das Essen taugt nichts, denn es ist nicht koscher, und da mag sie lieber daheim ohne Abwartung, aber auch fern von rituell verbotenen Speisen bleiben. Man will jüdische Mädchen und Frauen zu Krankenpflegerinnen ausbilden. Das Bedürfnis ist da, auch die Gelegenheit zu einem ebenso anständigen, ja edlen, wie nützlichen Erwerb günstig. Alles gut — aber die Speisen! Im Krankenhause wird nicht rituell gekocht und darum tvill die Jüdin nicht als Pflegerin eintreteis. Und wenn sie es auch thun wollte — die und die tonangebende Familie würde daran Anstoß nehmen, würde die Trefesesseriu unter gewerblichen Bann stellen- — Da ist eine an Kindern reich gesegnete Familie. Der Pater ist kein Ariner, aber der Broterlverb wird ihm schwer. Aber »och weit schwerer wird ihm die Anschaffung der teueren koscheren Speise». Das gilt vor Allem von unseren Beamten. Der Cnltusdiener muß, wo jeder Andere nur soll oder will. Wehe ihm, wenn ein Eiferer ihn, seine Frau oder sein Kind bei dem Genuß eines nicht rituell geschächteten Stückes Fleisch überrascht! Und das geht von den kleinsten bis zum höchstgestellten Synagogenbeamten. Sie sind doch auch Menschen, sie reisen ins Bad, zur Erholung. Aengstlich müssen sie daraus achte», daß sie ihren Reiseplan so einrichten, wie sie, nicht am behaglichsten, nicht am genußreichsten, sondern wie sie koscher iinterkominen. Sind das würdige Zustände'? Sind die Opfer, die Millionen täglich den rituellenSpeisegesetz bringen, des Opfers wert? Ich habe traurige Schilderungen von einem Schiffsarzte gehört, über die Leiden der armen Russischen Juden auf dem Zivischendeck eines Answanderer-Schisfes. Sie aßen nicht tiefe! Wie lange noch sollen zu den unendlichen Onalen der Feinde von außen sich noch die des eignen Wahnes geselle»! Wenn hente die Begriinder und Förderer des Judentums, die Propheten und die Weisen wieder aufständen, was tvürden sie sagen zu den Aeußerlichkeiten und zu den« Formelwesen, ras um», mienhaft sich aus der Cultur vergangener Jahrtausende und entfernter Gegenden erhalten hat, bei Manchen stärker, als der edle Geist des Altertums! Was sie sagen würden — wir können's in Jesaia Nachlesen! Es mag sein, daß eine große Anzahl unserer Glaubensgenossen in den Speisegesetzen göttliche Anordnungen, weise Borschriften erblickt, wohlthätige Absperrungsmittel. Es mag sein, daß in guten Verhältnissen lebende, geflissentlich sich von der Außenwelt zurückziehen. in dem koscheren Esse» ihr Labsal, die harmonische Befriedigung religiöser und leiblicher Bedürfnisse erblicken. Aber die Unbemittelten, aber die Gebildeten, aber alle die, denen es uiwerständlich ist, wie sich die Religion um den Kochtopf kümmern kann — sie können : icht anders, sie müssen laut ihre Stimmen erheben um die volkswirtschaftlichen, die gesellschaftlichen, die ästhethischen, ja in letzter Linie auch die religiösen Schattenseiten der Speisegesetze eindringlich zu betonen. Unsere Gemeinden wären in ihren Wohlthätigkeitswese» viel besser daran, wenn sie nicht mit diesem Störenfried zu rechnen Hütten. Tie koschere Küche schafft Absonderlichkeiten und Absonderungen da, wo sie nicht hingehörcn