Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1892)
- Date
- 1892-07-01
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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150 erwäge, wie das höchste Kleinod, das Gott den Eltern geschenkt hast die Kindesscclc um das Höchste und Schönste betrogen wird, das ihm nach Gesetz und Recht znkonimt, um die Religion. Wir wenden uns der zweiten und dritten Gruppe zu, deren Angehörige der religiösen Belehrung ihrer Kinder nicht direkt feindlich gegenüberstehen, die aber doch schliesslich zii demselben, oder beinahe demselben Ergebnisse kommen wie die vorhin Geschilderten. Es sind dies diejenige», denen der Religionsnntcrrichl, wie er in den Schulen oder auch i» Privatkreisen ertheilt wird, nicht genügt, die mil der Methode nicht einverstanden sind. Die Einen sagen: wozu das Kind mil der hebräischen Sprache abmnhen, die ja eine tote Sprache ist, und deren Kenntniß keinen Wert für das Leben hat, keinen Einfluß auf das Gemüt ansübt; wozu ihm Bräuche und Sinnbilder erklären, die es doch nicht übe» sieht, und die möglicherweise einen Gegensatz zwischen Schule und Elternhaus wach rufen! Z^je Anderen behaupten hingegen, es komme lediglich darauf an, daß die Jugend geläufig hebräisch lese» und die Gebete übersetzen lerne, damit sie im GotteShanse andächtig mitbeten könne und mit der Liturgie vertraut werde. Tie umfangreiche biblische und jüdische Geschichte, die gar kein Ende nehme, und die sie ebenso gut ans Lehrbüchern sich selbst aneigiien könne, veranlasse geradezu eine Zeitvergeudung und ivas dergleichen unverständige Redensarten' inehr sind. Ob man sich wohl bei irgend einem andern Unterrichtsgegenstande eine ähnliche maßlose Kritik gestatten und den Fachmänner», die iibcr das, was ihr Beruf erfordert, doch tvvhl auch ein wenig nachgedacht haben, jedes Urteil absprecheu würde'? Oder soll gerade ans diesem so überaus schwierigen Gebiete der Satz volle Geltung haben, der in der Peßachhaggadah — dort freilich nur bedingungsweise — angeführt ist: wir sind alle Weise, alle verständige und praktisch erfahrene Männer, alle mit der Gotteslehre wohl vertrant? Ich sollte meinen: gerade in der schönen Vereinigung, oder besser in der Abwechselung, die der jüdische Religionsunterricht bietest läge ein besonderer Reiz; die heiligen Laute, die ans dem Munde der Propheten und Psalniensünger hervorgeqnollen, die im Gotteshanse feierlich erschallen, müssen einen weihevollen Eindruck auf des Kindes Herz hervorbringe», und ein verständnisinniger Blick in die Vergangenheit Israels, wie ihn nnr das lebendige Wort des kundigen und für seinen Glauben begeisterten Lehrers, nimmermehr aber ein totes Lehrbuch erschließen kan», muß das Walten der göttlichen Vorsehung gleichsam sichlbarlich vor des Kindes Seele führen und läßt Gottesfurcht und Gottvertraue», Treue und Hingebung, Opfermut und Selbstverleugnung und jede menschliche und gottwohlgefällige Tugend im Lichte der Verklärung wie von einen wunderholden Strahlenglanze übergossen dem unverdorbenen, empfänglichen Sinne erschienen. Tie vierte Gruppe endlich ähnelt jenem alten Heiden, von dem uns der Talmud erzählt, der sich an den Gesetzeslehrer mit der Forderung wandte: „Lehre mich das ganze Gesetz, den ganzen Inhalt der. Religion während ich auf einem Fuße stehe." Denn die Mitglieder dieser Gruppe besinnen sich gewöhnlich auf die Pflicht, ihren Kindern religiöse Unterweisung angedeihen zu lassen, wenige Wochen, bevor der Knabe, als Bar-Mizwah zur Torah aufgerufen worden — und seine Einsegnungsgeschenke in Empfang nehmen soll, oder wenn die Tochter im Begriffe steht, die Schule zu verlassen, und nach ganz kurzer Frist ist der Unterricht dann astch -wieder beendet. Die Jugend — so laute» die triftigen Endschuldigungsgrmche — ist ja ohnehin so sehr überbürdet,