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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1892-07-01 · Heft 7 (1.7.1892) · p. Seite 147

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 7 (1.7.1892)
Date
1892-07-01
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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— 147 - durchgeistigt die religiösen Satzungen und Bräuche, indem sie beständig auf Veredelung des Herzens, auf Erwerbung und Bewahrung eines reine», unschuldigen Sinnes dringt. Ohne Sittlichkeit verliert die Religion ihren erhabenen Hintergrund, ja, ihre Existenzberechtigung und artet in geist- und gemntloses Formelwesen aus; ohne Religion geräth die Sittlichkeit leicht in ein gefährliches Schwanke» und ist der Willkür des Einzelnen oder den wechselnden Zeitströ-, mungen preisgegeben. Die Sittenlehre allein, so hochwichtig sie auch ist — das wird jetzt allgemein anerkannt — reicht für die Erziehung des Menschengeschlechtes nimmermehr ans, sie vermag wohl treffliche Grundsätze aufzustellen, zu guten Vorsätzen anzuregen, aber sie bringt keinen bleibenden Eindruck auf de» Menschen hervor, sie ist zu trocken und zu nüchtern, um selbst wenn sie durch Beispiele unterstützt wird, der Seele einen höheren Flug zu verleihen und ihre Schwingen so zu kräftige», daß sie sich auch unter Gefahren und Widerwärtigkeiten' über die Schlingen und Netze erheben kann, die der Tugend überall gelegt sind. I» Verbindung mit der Religion hingegen, als göttliches Gesetz, befolgt und geübt von Männern, zu denen das kindliche Gemüt mit Bewunderung und frommer Scheu anfblickt, erringt sie sich leicht einen Ehrenplatz im Heiligtum des Herzens, aus welchem sie sich nur selten und auch dann nur für kurze Zeit verdrängen läßt. Dem Judentum gebührt das Verdienst, den segensreicheil Einfluß der religiösen Unterweisung auf die sittliche Entwickelung des Volkes zuerst erkannt, und dieser Erkenntnis folgend, durch praktische Einrichtungen Fürsorge getragen zu haben, daß die Lehren der Religion Eingang finde» in die Herzen der Jugend, daß „Gesetz und Recht," Glaube und Moral als die Grundpfeiler des Volkslebens die allgemeinste Würdigung erhielten. „Gottesfurcht ist zur Weisheit führende Sittenlehre," so lautet in dieser Form und in vielfachen Redewendungen ein Fundamentalsatz der praktischen jüdischen Theologie; und welche Rolle die Lehrhäuser in Israel gespielt haben, welch' aufopfernde Pflege ihnen zugewandt wurde — auf jedeni Blatte der jüdischen Geschichte steht es mit goldenen Buchstaben verzeichnet. Wenn die Sänger über den Untergang Jerusalems klagen, dann ist es in erster Reihe die wehmüthige Erinnerung an die Zerstörung der religiösen Pflanzstätte» für die Jugend, die ihrer Harfe die elegischen Töne entlockt; und wenn sie, beseelt von der Hoffnung auf die Wiederherstellung der untergegangenen Herrlichkeit in die Saiten greise», dann erheben sich vor dem Auge ihres Geistes wiederum ans den Trümmer» die hochragenden Säulen, die das Dach der Gotteslehre tragen, das schützend über Israels Sprößlinge sich wölbt. Was die Sänger in dichterischer Begeisterung schwungvoll zum Ausdrucke bringen, das haben die Gesetzeslehrer in dürren nüchternen Worten in trockenen Paragraphen vollinhaltlich bestätigt. „Wenn eine Gemeinde," so heißt es in den religionsgesetzlichen Bestimmungen, „nicht die Mittel besitzt, um beides, ein Gotteshaus und ein Lehrhaus zu gründen und zu unterhalten, so verrichte sie ihre Andacht in irgend einem vor Störung gesicherten, wenn auch für den heiligen Zweck nicht würdig genug ausgcstatteten Raum aber für die der Rcligionslchrc bedürftigen Kinder sorge sie in uneingeschränktem Maße." Nach dem Grundsätze : man steige zu einer höheren Stufe der Heiligkeit hinauf, aber nicht zu einer niedrigeren herab, ist es gestattet, ein Betlokal in ein Schulzimmer zu verwandeln, während das unigekehrte, die Verwandlung einer Schule in einen Betsaal als Entweihung gilt. Wo unsere verfolgten und wie das Wild gehetzten Vorfahren ihren Wanderstab auf kürzere oder längere Zeit

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