Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1892)
- Date
- 1892-06-01
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2969669-2969947-2969954--3550-2976943- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
129 Erscheinung gefeiert, festgehalten, allein, nachdem das bischen Frenidenehre verbraucht ist, auch wieder allein gelassen und zum Weiterziehen veranlaßt. Seine Bücher und Büchelchen sind datirt von Prag, Wien, Altona, Frankfurt am Main, Leipzig, Stuttgart, Tübingen, Eßlingen, Hannover, London, Paris und Rakel. In vielen diesen Oertlichkeiten hat er längere Zeit geweilt, gearbeitet und geschafft; wo eine größere Bibliothek sich befand, hat er fleißig exerpirt. Mitunter hat er wohl auch in seiner eigentümlichen Weise gelehrt, obwohl das gerade nicht seine Passion war. In mehreren dieser Städte existiren zur Stunde noch Traditonea über ihn, welche vom sympathischeu Verständnis oder von der dünkelhaften Ueberhebung eine ganz divergirende Färbung angenommen haben. Die Einen preisen ihn als ein wahres Ideal von Beredsamkeit, Liebenswürdigkeit, Männerwürde und charaktervoller Unabhängigkeit. Die Andern fanden ihn excentrisch, unpraktisch, albern; sie nannten ihn eine parasitische, unselbständige Natur und bezeichneten seine konversationelle Suada als fades Geschwätz, wobei man nicht zum Worte gelangen könne. Ich habe mich oft über diese satten, philisterhaften Splitterrichter geärgert, welche an den Fleischtöpfen gut dotirter Aemter oder blühender Geschäfte sitzend, den in der rauhen Luft des Lebens umhergetriebenen emsigen Wanderer so leichten Kaufs verurteilten; und noch lange, bevor ich seine, „12 Upper Clifton Street, Finsbury," in der Weltstadt London gelegene staubige Bücherklause betrat, habe ich mich seiner oft warm imd fqst streitbar angenommen. Es ist ja wohl möglich, daß er im überschäumenden Jugendgefühl nnd im Bewußtsein seiner ersten Erfolge den Glauben an seinen Wert allzu sichtlich zur Schau getragen; allein unbegrün )et war dieser Glaube gewiß nicht. Freilich aber haben die Mensche» noch nie ein wahres Glück, von welcher Spezies es auch gewesen wäre, verziehe». Daß er in seinem Wesen manches Eckige und Sonderbare hatte, kann nicht geleugnet werden; alle die bessern Traditionen stimmen aber darin überein, daß er eine jugendfrische Erscheinung gewesen, welcher ein gewisses, augenehm wirkendes, burschikoses Element 'beigemischt war- Ein Gelehrter aus Frankfurt sprach sich über den Preßburger Literator in begeisterter Weise ans; er rühmte seine Männlichkeit, Unabhängigkeit, Entsagungskraft und sittliche Reinheit und wußte seine Wohlredenheit selbst bis auf die Treue des Stimmporträts zu reproduziren. Niemals unterließ er bei solchem Anlasse sich auf seine längst Heimgegangene Gattin zu berufe», welche den fahrende» Scholasten wahrhaft in ihr Her^ geschlossen. Das ist nur einer von den vielen Berichten, die man über seine magnetisch tvirkende Persönlichkeit zusammentragen könnte. Er war durchaus originell, verband Bescheidenheit mit Selbstgefühl nnd fand eine bittersüße Befriedigung darin, sich mit beißendem Witze selbst zu persiffliren. Den» über die Rechnungsfehler seines Wirkens und über das Fragmentarische seines Lebens überhaupt hatte er sehr bestimmte und klare Begriffe. An der Schwelle des Greisenalters schien er die Konflikte, an denen das Dasein krankt, mannhaft überwunden zu haben. Aus seinen mannigfacheil Talenten und Vorzügen hatte sich ein einheitliches und nicht alltägliches Charakterbild durchgerungen. Er war einsiedlerisch und selbstbegnügt, einer von den vielen Eremiten der Wissenschaft, dabei aber gesellig und leicht zugänglich und frei von Menschenhaß und Wcltvcrachtung; er hakte außer dem Rauchvergnügcn fast {feine Bedürfnisse; er war aber doch kein Cyniker; sein Urteil war von unentwegtem Freimute, allein er war milde und anerkennend gegen die Verdienste der Lebenden und der großen Toten- L