Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1892)
- Date
- 1892-06-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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123 Schwung griechischer Ahnung als problematische Vermutung erscheint. — Und indem er die Meinung abwehrt, als ob dieser überschwengliche Reichtum des religiösen Bewußtseins dem Judentum von anders woher gekommen sei, wie Kant gemeint, bemerkt er schließlich: In einzelnen Zügen der Sage und der Sitte, in der künstlerischen und cereinouiellen Ausbildung des hebräischen Cultus mag die gelehrte Forschung Spuren ausländischer Einflüsse auffinden; den Kern ihrer religiösen Weltansicht haben die Israeliten völlig der Einwirkung der heidnischen Cnltnr entzogen, mit der sie zum Teil in langdauernder Berührung standen. Die naturphilosophischen Elemente,' welche die Religionen des Orients verderblich überwucherten, sind fast völlig aus ihr verschwunden; ethische Ideen . . . sind ihr die treibende Kraft der Entwicklung geworden. . . . Die mosaischen Schöpfungsberichte, die nur ein sonderbares Mißverständnis für Naturgeschichte auszubeuten suchen kann, .glänzen durch die Verachtung, die sie der kosmologischen SpekulationHes Heidentums beweisen. Keine Erscheinung machen sie zur Entwicklungsgrundlage der andern . . . genug, daß alles von Gott geschaffen, und daß Alles gut war, so wie er es schuf; genug, daß-der Mensch, der Erwählte dieser Schöpfung, sie selbst als der Garten begriffen' ist, in dem er nach Gottes Vorbild zu leben bestimmt ist. Zu höheren Ehren kam die Natur auch später nicht . . damit aber war die Gefahr vermieden, die natürlichen Uebel wie das sittlich Böse, gleich den heidnischen Religionen, als notwendige Bestandteile der Weltordnung und als Konsequenzen des göttlichen Wesens zu fassen. Dem hebräischen Volke war Gott n u r das Gute ... das Reich des Bösen war kein deuknotweudiger Bestandteil der Welt. . - Das Gebot, heilig zu sein, wie Gott heilig ist, galt dem Menschen, und galt ihm als ein erfüllbares. — Vergleichen Sie nun diese großartige Würdigilng des Judentums mit den gerade entgegengesetzten verächtlichen Bemerkungen, die noch ein Kant so leichtfertig hingeworfen, als ob es lauter unbestreitbare Axiome und nicht vielmehr vom Mittelalter überkommene und blind angeeignete Vorurteile wären; erinnern Sie sich dann, wie diese Vorurteile nach und nach ins Schwanken geraten, wie sie zwar, die Schleiermacher, Hegel, Rothe, noch immer unter dem alten mittelalterlichen Banne stehen, aber schon aufaugeu, einander zu widersprechen, auf abweichende Weise ihre dem Judentum feindlichen Ansichten zu begründen, ja zum Teil zu gelinderen, ja zu anerkennenden Aeußerungen sich gedrängt sehen; wie dann Schopenhauer, Strauß und Hartmann von neuen Gesichtspunkten, weil die alten abgenutzt sind, Angriffe auf das Judentum unternehmen, wie aber der Letztgenannte, der noch am gründlichsten dabei vorgeht, nicht umhin kann, auch die Lichtseiten des Judentums hervorzuheben; wie überhaupt gewisse Bezeichnungen, mit denen man am wirksamsten auf die vermeintliche Inferiorität des Judentums hinzuweisen pflegte, wie „jüdischer Aberglaube" fast völlig aus den philosophischen Schriften geschwunden; wie dagegen ein Manu wie Zeller im Gegensatz zu Kant klar bekennt, der jüdische Monotheismus bilde die bleibende Grundlage des Christentums; *) wie endlich in einem erlesenen Geiste wie L o tz e die geläuterste wissenschaftliche Ansicht über das Judentum reift, und Sie werden gerechtfertigt finden, was ich Eingangs bemerkte, das zu entwerfende Bild werde zwar viel Schatten, aber auch ein langsam wachsendes Licht, eine gewisse fortschreitende Läuterung in den Ansichten über Juden und Judentum zeigen. *) Vortr. u. Abh., S. 258. 11*