Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1892)
- Date
- 1892-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 aber das Leben der Menschheit . . . (deren Idee im Mosaisnius aufgegangen) das einzige Augenmerk seiner Vorsehung ist- Den ganzen Luxus naturphilosophischer Mystik, der so nutzlos die übrigen Religionen des Altertums beschwert, hatten die Hebräer hinweggeworfen . . sie fühlten sich nicht in den Taumel eines ewigen Naturkreislaufs, .sondern in den Fortschritt einer Geschichte verflochten; sie kümmerten sich nicht um Geheimnisse, welche nur vergangene Thatsachcn bedeute», aber um so mehr um die, welche die Aufgaben der Zukunft betreffen; und nicht — wie anderwärts — geheim sollten diese bleiben, sondern göttliche Eingebung trieb die Propheten, die späte Vollendung eines Himmelreichs . . zu verkündigen. Und dieses Bewußtsein einer weltgeschichtlichen Bestimmuug hatte das Volk trotz vieler äußerer Wandlungen nicht vergessen, sondern . . . mehr und mehr iu sich befestigt.-; Die antike Bildung . begann auf ein Volk aufmerksam zu werden, das die lebendige Ueberzeuguug, die ihr selbst abging, in so hohem Maße besaß, und dem seine Vorstellungen von Gott nicht als poetische Randverzierungen einer völlig weltlichen Lebensansicht, sondern als beitiefe Ernst der Wirklichkeit galten. In dem allmählich sinkenden römischen Reiche gewann der jüdische Glaube Achtung und Anhang ...... Nur das hebräische Vblk — sagt Lotze an einer anderen Stelle *) — hat uns redende Denkmäler seiner alten Geinütswelt hinterlassen .... Die hebräische Sprache ist auch zu der treuesten Schilderung der ewig wiederkehrenden Grundzüge des menschlichen Lebens, wie zu dem majestätischen Ausdrucke der Erhabenheit des Göttlichen wie keine andere befähigt . . . .; in Beiden sind die Erzählungen und die Gesänge der Hebräer ein u n st e r b l i ch e s M u st e r geworden. Die Schätze der klassischen Bildung öffnen sich nur einzelnen Kreisen; aus jener Quelle des Morgenlandes dagegen schöpft eine unzählbare Menge der Menschheit seit Jahrhunderten erhebende Trostsprüche im Elend, 'sinnige Lehren der Lebensweisheit, warme Begeisterung für alles Hohe. . . . Die Phantasie des Volkes strebte einem Erhabenen nach, das zu seiner Wahrheit weder der Größe, noch des Schmuckes hinzubedarf. So schildert seine erzählende Poesie in. der größten Einfachheit des Ausdrucks Gestalten und Begebenheiten, ohne die mindeste gesuchte Verwicklung der Motive, überall jene natürlichen Beweggründe unbefangen aussprechend, die, so lange die Welt steht, die wirklichen letzten Antriebe aller menschlichen Handlungen sein werden. Da ist nichts von jenem verschwenderischen Aufwand ail ausschmückenden Bildern wie bei den Griechen; vielmehr dadurch eben wirken ihre Gestalten erhaben, daß sie ohne allen Schmuck, in durchsichtigster Natürlichkeit dahinwandelu. . . Und in anderer Weise wiederholt dsi lyrische Poesie dieselbe Erhabenheit. Auf die Zusammengehörigkeit mit Gott besinnt sich hier das Gemüt und weiß mit der ganzen Kraft des leidenschaftlichsten Ausdrucks alle tiefempfundenen Einzelnheiten der Weltschönheit als Bezeugnngen der göttlichen Allmacht zu preisen. . . . Und nachdem Lotze im Weiteren über Griechen und Römer sich verbreitet, schließt er mit der Bemerkung**): Mit welcher Teilnahme wir immer das religiöse Ergebnis der klassischen Welt betrachten mögen: groß als Frucht menschlicher Forschung gleicht es doch einem sehr bescheidenen Bache gegenüber dem vollen rauschende» Strome des G o t t e s b e w u ß t s e i n s, der schon lange vorher das Lebe» des hebräischen Vvlkes durchdrang, und in der heiligen Poesie derselben mit einer Mächtigkeit fluthete, gegen deren zweifellose Realität der höchste *) Das., S. 286t'.. **, 3. 350f.