Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 111 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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111 pfropfen. Ihre Thätigkeit ist den Schattenseiten des Daseins zugewendet und sie kann mit Wallenstein sagen: „Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen"^ Das ist leider wahr, dennoch behaupte ich: ohne Chewra-Sßuda keine richtige Chewra-Kadischa, sie gehört zu ihrem Wesen. Erlauben Sie mir, daß ich, um mich deutlich zu machen,- an ein aktuelles Ereignis anknüpse. Kürzlich wu»de in Berlin ein Stück gegeben, das den Titel führt: „Das heilige Lachen". Es stellt den Sieg des Optimismus über den Pessimismus dar, der Pessimismus wird zuletzt ausgelacht. Ob das Stück gefallen hat, oder nicht, ist für uns gleichgültig. Aber der Gedanke ist richtig, nur schade, daß er nicht neu ist. Es giebt ein heiliges Lachen, und auf der Weltbühne wird ein Stück, welches dieses Thema durchführt, seit Jahrtausenden dargestellt. Es hat nur einen anderen Namen Dieses Stück heißt: „Das Judentuni", und die Schauspieler sind wir Jude». Wir hätten ja allen Grund, Pessimisten zu sein, denn unsere Vergangenheit kennt nur Leiden und Schmerzen. Not und Elend, Druck uiid Verfolgung, und auch unsere Gegenwart weiß davon zu erzählen, vielleicht mehr noch, als unsere Vergangenheit, aber sind wir deshalb griesgrämig geworden? Im Gegenteil: wir haben schließlich »och immer unsere Feinde ausgelacht und werden sie weiter auslachen. Blicken Sie hin auf das alte Egypten: wie hat es uns gequält, wie viele von uns hat es verschlungen, aber wir haben es am Ende doch ausgelacht. Wir haben die Inquisition Spaniens überdauert und ausgelacht, und wir werden auch das Egypten der Gegenwart auslachen. Das ist das heilige Lachen des Judentums, in welches nach dem Psalmisten Gott selbst einstimmt: „Der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer." Der Talmud erzählt von dem gelehrten Streite zweier unserer alten Weisen. Da ging es heftig zu. Der eine läßt zur Bekräftigung seiner Meinung die Wände des Lehrhauses sich neigen, daß sie einzustürzen drohen, ja, er erlangt sogar eine laute Zustimmung aus Himmelshöhen. Der andere aber sagt: ich bleibe bei meiner Ueberzeugung, und wenn der ganze Himmel über mir zusammenstürzt. Nachher trifft einer der Anwesende» den Propheten Elias und fragt ihn, wie denn Gott bei jenem Schauspiel sich verhalten habe, und Elias antwortet: Er hat gelacht und gesagt: meine Söhne haben mich überwunden. Damit hat er eigentlich sNgeu wollen: Solche Kerle, solche Staabsvffiziere kann ich gebrauchen» die eine felsenfeste Ueberzeugung haben und sich nicht bange machen lassen Sehen Sie: So hat das Judentuni das Lachen allererst geadelt und geheiligt und es gegen die asketische oder pessimistische Grimasse als siegrxichen Trumpf ansgespielt. Fragen Sie nur bei Schopenhauer an. Der wird es Ihnen bestätigen. Er ist deswegen schlecht genug auf das Judentum zu sprechen. Aber wir lachen ihn auch aus, ihn mitsammt seinem Pessimisnius. Und weil es uns mit dem heiligen Lachen heiliger Ernst ist. deshalb kann mau die Chewra-Kadischa mit ihrer Chewra-Sßuda als die schönste Blüte des Judentums und als den prägnantesten Ausdruck seines Geistes bezeichnen. Es ist ja wahr: die Chewra-Kadischa hat es niit lauter feindlichen Mächten zu thun. Aber sie lacht sie aus. Sie verjagt die Not und den Hunger, sie ringt die Krankheit nieder und „watiszchak lejom aeharon“, sie verklärt scherzend selbst den Tod. Sehen Sie doch, wie bei uns die Toten behandelt werden. Bei uns giebt es keine Massengräber,, keinen Unterschied zwischen Reich und Arm. Bei uns wird jeder Tote wie ein Freiherr behandelt, „bameszim chofschi,“ und wenn einer in seinem Leben nicht das Geringste besessen hat, im