Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 Aus der pessimistischen Grundidee seiner Metaphysik leitet Schopenhauer das Mitleid als das Prinzip der Moral ab. Flugs muß wieder das Judentum nur strenge Gerechtigkeit, aber keine Liebe und kein Mitleid weder gegen Menschen noch gegen Tiere kennen. Und doch wäre es die reine Trivialität, Wenn ich es unternähme, alle die Forderungen in Bibel und Talmud aufzuzählen, welche vorziiglich an das Mitleid zu Gunsten nicht nur der lebendigen, sondern selbst der leblosen Natur appelliren. Das Judentum ist nur nicht so einseitig, daß es wie Kant lediglich den harten kategorischen Jniperativ, oder wie Schopenhauer lediglich das weiche Mitleidsgesnhl als ethisches Prinzip aufstellte. Seine Losung vielmehr ist: „Liebe und Recht wahre!" Das Judentum hält sich gleich weit entfernt, sowohl von der rücksichtslosen Nüchternheit Kant's, als von jener mystischen Jdentitätsduselei Schopenhauer's, wonach jeder Mensch mit jedem anderen dasselbe Wesen sei, nur in anderer Gestalt. Das Judentum sagt: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst." Liebe ihn, begnüge dich nicht mit einem bloS pflichtmäßigen Verhalten gegen ihn, handle gegen ihn, wie du in gleicher Lage gegen dich selbst gehandelt zu sehen wünschtest. Jdentificire dich mit dem Nächsten, obgleich du nicht mit ihm identisch bist; aber dieses ungleich höhere nioralische Gebot, das die Welt erobert hat, ignorirt Schopenhauer, während er ein mystisches, unverständliches Judenwort wie eine Offenbarung hoher Weisheit, als Bestätigung seiner Ansicht heranzieht. Auf gleich morsche Grundlagen baut Hart mann seine Angriffe. Die jüdische Gottesidee sei »och primitiv, weil in ihr das Problem der Persönlichkeit und Absolutheit noch nicht zur Lösung gelangt, dies sei erst i n seinem Pantheismus der Fall. Es gebe nach jüdischer Auffassung nur eine Kollektiv-, keine individuelle Schuld, Gerechtigkeit sei der Kardinalbegriff der prophetischen Moral. Liebe erst nachexilisch — gegen den Fremden sei Wucher geboten — diese und ähnliche auf Mißverstand und Unwissenheit beruhende Behauptungen, denen in einer neueren Schrift der Vorwurf hes Mangels an patriotischem Nationalgefühl sich hinzugesellt, ergießen sich nur <j»us Hartmann's schreiblttstiger Feder. Doch dämmert bereits bei ihm eine hesscre Erkenntnis. Er gesteht dem Judentum (sogar dem Christentum gegenüber) Gesundheit des moralischen Prinzips zu, räumt die Unmöglichkeit ein, daß ein charaktervoller Jude von seinem Glauben abfalle; das Judentum habe das unstreitige Verdienst, den Monotheismus, und mit ihn» Fainiliensinn, Wohlthätig- |eit, Arbeitsamkeit und Streben nach Erkenntnis bewahrt zu haben, Züge, welche ihm die Zukunft sicherten. Wäre ein solches Geständnis, »vie sehr es auch airdererseits verklausulirr wird, in Kant's und Fichte's Zeiten undenkbar gewesen, so fühlen wir uns vollends schon vo>» einer anderen Athmosphäre umgeben, so wir in die Gedankenwelt Lotze's, des bedeutendsten Philosophen der neuesten Zeit, eintreten, und seine Aeußerungen über das Judentum vernehmen. Zwar auch er verkennt gleich den Früheren, den Wert der jüdischen Ceremonien, doch sagt er an anderer Stelle von ihnen, daß sic durch unmittelbare Anknüpfung des Kleinsten an das Größte dem jüdische»» Volke in allen seinen guten Momenten den Charakter des Erhabene»» erhalte»».*) Er spricht ferner irrtümlich, »vie Hegel, daß im Judentnin der Sterbliche in seiner Nichtigkeit vor Gottes Allmacht verschwinde, während j»n Christentum auch der Geringste in der K i» d s ch a f t Gottes sich als *) Mikrokosm. III, S. 289.