Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969947-2969953--3526-2976918- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
106 Warum haben beim die anderen Wnstenhorde», die ewig mit einander im Kampfe lagen, es nicht gleichfalls zum Monotheismus gebracht? Warum hat der Islam, auf den sich Strauß zur Bestätigung seiner Theorie beruft, bis zum 7. nachchristlichen Jahrhundert auf sich warten lassen? Und wie reimt sich die angebliche Phantasiearinut des jüdischen Volkes mit dem wunderbaren Bilderreichtum der Propheten, des Hohenliedes, der Psalmen? Mit gleicher Leichtfertigkeit behauptet Strauß*) weiter, der Eine Gott des Alten Testaments sei nicht streng als der einzige zu nehmen, er sei zwar als Weltschöpfer, aber nicht als Gott aller Völker, sondern nur Israels gedacht, und daß die Juden nur deshalb für den eigenen Gott bildliche Darstellung verboten, weil sie in ihrer Feindschaft gegen andere Völker — also wieder das alte Kant'sche Argument deren Götter summt ' Bildern haßte». A l s ob nicht gerade solcher Haß erst recht das Bedürfnis nach einem sicht- und greifbar e n Bilde der eigenen G o t t h e i t h ä t t e e r r e g e n in ü s s e n! Mit aller Gewalt wird das Auge verschlossen vor dem klar in der Bibel ausgesprochenen Grunde des Bilderverbots, weil der Begrisi Gottes als schrankenlose», rein geistigen Wesens irgendwelche sinnliche Darstellung schlechterdings nicht verträgt. Immer heißer redet sich Strauß in seinem Eiker gegen den jüdischen Monotheismus, bis er schließlich zu dem Ergebnis kommt, der Gott Homer's stehe über dem sinaitischen Gott, weil jener ein reiches, nach allen Seiten hin Zweige und Blüten treibendes Leben hervorgebracht, dieser dagegen die Einseitigkeit und Armut des jüdischen Wesens. — Man mußte nun demnach erwarten, daß Strauß das seinem Prinzip nach dem irdischen Dasein abgewandte Christentuni noch tiefer stellen werde. Und in der That weist er tadelnd auf dessen pessimistischen Charaker hin, auf die daraus folgende Hintenansehung des Familienlebens in den Evangelien, auf den dem Christentum mit dem Buddhismus gemeinsamen Cult der Armut. Aber er verschweigt dem gegenüber den gesunden Optimismus im Judentum, der zwar zahlreiche Gebote zur Linderung der Armut, aber keine Verherrlichung der Armut kennt, vielmehr die Arbeit, die ersprießliche, segenschafsende Kräfteverwertung preist. Er verschweigt die herrliche Entfaltung des Famitenlebens im Judentum, die Heiterkeit und geistige Spannkraft, welche dasselbe gerade in jene» traurigen Zeiten des Römerdruckes, der nach Strauß der neue» Religio» ein düsteres Gepräge verlieh, so wunderbar bewahrte, llnd doch sagt Strauß an anderer Stelle, „das Christentum wandelte den strengen Herrn in eine» liebenden und verzeihenden Vater, und gab dadurch dem religiöse» Verhalten des Menschcn eine bis dahin unbekannte Freiheit und Heiterkeit"! Wen» nun der sonst lebensfrohe Strauß sich so zum Judentum stellt, was ist erst von dem grämlichen Schopenhauer zu erwarten! Er findet nur Ein Gutes am Jüdentnm — die Erzählung vom Sündenfall. Das sei ein tiefer Quellpunkt wahrhaft tragischer Lebensauffassung, den aber das Christentum erst, freilich, wie er meint, nicht ohne bedenkliche Inkonsequenzen, wirklich erfaßt habe, während das Judentum in einen beschränkte» Optimismus zurückfiel. Als ob es nicht etwas Größeres wäre, über die erkannten Weltübel in idealem Glaubensfluge sich zu erheben, als in den Gedanken an dieselben sich zu vergraben, darin zu verkommen. *) Ter alte ». der neue Glaube.