Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1892-05-01 · Heft 5 (1.5.1892) · p. Seite 105

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 5 (1.5.1892)
Date
1892-05-01
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969947-2969953--3525-2976917
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

105 Gottes geschätzt, wie mehrere Talmudstellen beweisen,*) die anzuführen ich mir wegen der Gemessenheit dieser Stunde versagen mutz. Indes zeigt sich auch hier ein Heller Punkt. Rothe ist fern von e n gherzigem Nationalismus. Nicht die gleiche A b st a m m u n g, sondern die Ansässigkeit ans demselben Boden und Berbindung zu, einem gemeinsamen Staatsweseu, insbesondere aber die Gemeinsamkeit der Sprache ist ihm entscheidendes Merkmal eines einige» Volkstunis. Rothe ist auch ein zu gebildeter Geist, um der Rohheit des Fichte'schen Judenhasses anheimzufalle». Er bedeutet trotz seiner religiösen Ausschließlichkeit einen Fortschritt. Wir kommen jetzt zu einigen spätere», zum Teil schon in die Gegenwart hineinragenden Philosophen, die im Grunde nicht anders können, als gegen das Judentum eine unfreundliche Stellung einiiehmen Kant's und Fichte's judenfeindliche Auslassungen erscheinen eigentlich wie bei den Haaren herbeigezogen. Nichts lag in ihren Systemen, was sie dazu zwang. Anders David Friedr. Strautz, den die Feindschaft gegen das Christentum notwendig auch zur Feindschaft gegen dessen, wie er im Gegensatz zu Schleiermacher klar erkannte, unabtrennbaren Ursprung, gegen das Judentum führe» mußte. Anders ferner Schopenhauer und Hartman», deren ganze Stärke in ihrem Pessimismus liegt, während die Grundstimmung, ans welche das Judentum abzielt, eine gesunde Lebensfreude ist. Wir begegnen denn auch bei diesen Männer» vielem Gemeinsamen in ihrer Stellungnahme zum Judentum. So gehen sie zunächst alle, i» dem Gefühle, daß es sich dabei um die mächtigste Feste des Judentums handelt, wie schon Kant, darauf aus, den jüdischen Monotheismus herabzusetzen, wobei aber Einer den Andern an Oberflächlichkeit übsrbietet. Dem jüdischen Monotheismus — sagt Schopenhauer — sei im Gegensatz zur heidnische» Vielgötterei Intoleranz eigen. Man erinnere sich, was man als Kind von dem Ursprung des Menschengeschlechtes, von den Geboten gegen den Fremdling, von der Weiherede Salomo's gelernt, und man weiß, was man von dieser Behauptung zu halten hat. Freilich jene frivole Weitherzigkeit, der jeder Götzendienst gleich willkonimcn war, ist dem Judentum fremd. Es macht auch kein Hehl aus der Hoffnung, daß dereinst der Ewige als einzig erkannt sein wird auf Erden, aber niemals hat es seine Hoffnung Jemand aufgedrängt. Strauß und Hartniann' gehen jedoch, wohl nach dem Vorgänge Renan's, noch weiter. Der jüdische Monotheismus rühre von einer gewissen Dürftigkeit der P h a n t a s i e f u n k t i o n her, welche teils in der semitische» Geistesanlage, teils in der Einförmigkeit und Armut der von der Wüste gelieferten Natureindrücke ihre Erklärung finde. Das israelitische Volk verweilte zivar nur 40 Jahre in der Wüste, aber Strautz und nach ihm Hartmani! fahren ruhig fort: Tie Religion einer Horde mit nur einfachen Bedürfnissen und geselligen Einrichtungen konnte nur monotheistisch sein. Das Eine Selbstgefühl, das die Horde beseelte, begründete bei ihr den Einen Gott; ihr Gott war ihr vergöttertes Selbstgefühl Allerdings niögen ihr ursprünglich verschiedene Fetische und Dämonen vorgestanden habe», aber je mehr die Horde im Streite mit ihresgleichen oder mit anders organisirten Stämmen sich in sich selbst znsa in men faßte, desto mehr traten die Unterschiede zurück. Kann cs etwas Oberflächlicheres gebe»? *> Vgl. Thaanith 2l>>, Berach. 8a u. a. St.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.