Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 gehegt. Vielmehr stets lebendig war sti ihm jenes merkwürdige Wort: „Und auch dann, da sie im Lande ihrer Feinde sind, habe ich sie nicht verworfen und nicht ausgestoßen ... daß ich meinen Bund mit ihnen bräche . . . vielmehr gedenke ich ihnen des Bundes mit de»! Vätern." Mit Demut, im Bewußtsein göttlicher Heinisnchnng für begangene Fehler, mit Reue und Einkehr nahm es wohl immer seine Leiden hin, aber immer zugleich ganz durchdrungen von der Ueberzeugnng: „Tie'Gnaden des Ewigen haben nicht aufgehört." Daher der stets hofsiluiigsfrohe, zuversichtliche Znkuuftsblick der jüdischen Propheten, daher das nimmer getrübte, heitere Gottvertranen, das die jüdische Familie in den schwersten Zeiten bestrahlt. Als eigentümlich will ich noch erwähnen, daß, während Kant gemeint, der Mosaismns habe lediglich einen Staat im Auge gehabt, Hegel behauptet, der Staat sei demselben etwas Fremdes gewesen und lediglich die Familie das Substantielle, weil an sie der religiöse Dienst gebunden war. Ans die Spitze getrieben erscheint das Schleiermacher'sche Moment des christlichen Bewußtseins, sowie das gewaltsame Systematisiren Hegel's in der Ethik Richard R o t h e' s. Er spricht den intoleranten Satz aus: Nur der Christ kann sittlich seitz. Die christliche Frömmigkeit sei allein die vollkommene, deren Wirklichkeit in der ganzen, vollständigen Sittlichkeit besteht. Dies gelte von keiner änderen h i st o r i s ch gegebenen F r ö m m igke i t. Die anderen alle extendiren sich mit ihrer Realisirnng noch über das Gebiet des Sittlichen hinaus in sittlich bedeutungslose Handlungen, und keine von ihnen erkennt das ganze Gebiet des Sittlichen als den Boden für ihre Realisirnng an. * > Wir könnten nun dem gegenüber ans eine Bemerkung in Bender'» „Ein Freigeist aus dem Pietismus" Hinweisen, wonach es eine gewisse Thatsache ist, „daß die christliche Orthodoxie in Dippels Zeiten (17. Jahrh) in der Korrektheit des Bekeniltnisses und der äußeren kirchlichen Sitte eine Konipensation für den Mangel persönliches Frömmigkeit und praktischer Sittlichkeit gesucht hat" — aber f er» sei! es von uns, für das Mißverstehen eines B e k e n n t n i s s e s d i e s e s selbst v e r a n t w o r t l i cf) z n mache n. So lange eine Religion der Formen nicht entraten kann — und das kann auch die christliche nicht nicht ausbleiben. so lange wird solcher Mißverstand in beschränkten Geistern Aber ist es gerecht, solche Beschränktheit lediglich den Be- Würde R o gehabt habe», wir kennern des Judentums, und zwar diesen als wesentlich, zuzutrauen? Ahe als Gegensatz etwa die Veden oder die Edda int Auge hätten ihm beipflichten müssen. Aber nur äußerste Befangenheit konnte ihn verkennen lassen, daß Ine vom Judentum geforderte Frömmigkeit lediglich in der Sittlichkeit ihre Wirklichkeit erlangt. Das religiöse Cerimönial hat allerdings als Mittel, und zwar als unentbehrliches Mittel zur Erweckung des Herzens für den Gottesgedanken, entschieden sittlichen Wert und wird als solches mit Recht für etwas Frommes gehalten. Dagegen gilt derjenige, der lediglich des Cerimonials sich befleißigt, ohne daß cs bei ihm zu eine»! Mittel im genannten Sinne würde, nicht nur den Propheten, sondern auch dem Talmud als ein durchaus Unfrommer, und andererseits ein Solcher, der zwar in Bezug auf das Cerimönial ein Sünder ist. aber sittlich hochsteht und durch Edelsinn und Seelengröße sich auszeichnet, als in den Augen Theol. Ethik, «. 233 lt. a.