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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1892-05-01 · Heft 5 (1.5.1892) · p. Seite 101

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 5 (1.5.1892)
Date
1892-05-01
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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101 erhabenen Sittengesetze, seine Lehren von der freigebornen Menschennatur, seine herrlichen Gebote der Wohlthätigkeit, der Schonung und Milde, besonders gegenüber der Waise und der Witwe, entlehnt haben! Noch schlimmer ist Kant's Urteil über die Juden. An einer Stelle in seiner Anthropologie,*) wo er den Betrug definirt, bringt er als Beispiel die »unter uns lebenden Palästiner" — so beliebt es ihm, hier die Juden zu nennen, trotz ihrer bereits zur Römerzeit erfolgte» Niederlassung in Deutschland — die in den nicht unbegründeten Ruf des Betrugs gekommen seien. Es klänge zwar befremdlich, sich eine Nation von Betrügern zu denken, aber ebenso befremdlich wäre es, sich eine Nation von lauter Kaufleute» zu denken, die auf keine bürgerliche Ehre ausgeht, sondern den Verlust der letzteren durch Ueberlistung der sie umgebenden Völker zu ersetzen sucht. Es sei vergeblich, dieses Volk in Rücksicht hierauf bessern zu wollen, denn sein Gebühren hänge mit seinem alten, vom Staate anerkannten Aberglauben zusammen. Statt des Versuchs, diesen Zustand zu ändern, wolle er denselben nur erkläre». Palästina, ein vorzügliches Land für Handel, sei bis zu den Zeiten der Römer voll Kauflente gewesen, die dann, nach der Zerstörung Jerusalems, überall mit einander in kaufmännischer Verbindung blieben und so sortgedeihen konnten. — Man weiß nicht, worüber man hier mehr verblüfft sein soll, über die Erklärung, oder über das Erklärte, über die Ungeheuerlichkeit, wonach die Juden eine Nation von Kaufleuten seien, die keine bürgerliche Ehre sucht, sondern nur auf Betrug ausgeht, oder über die erschreckende Unkenntnis des jüdischen Schrifttums, da dasselbe überall ein vornehmlich ackerbautreibendes und handwerksbeflissenes Volk voraussetzt, und erst spätere Unduldsanikeit die Juden von jeder anderen bürgerlichen Berufsart ausschloß und sie geradezu zum Handel zwang. Um so unbegreiflicher ist das Verfahren Kant's, als danials, besonders in Preußen jener Ausschluß von jedem anderen Erwerb niit aller Härte festgehalten wurde, und ein schüchterner Versuch, den gerade um diese Zeit der Berliner Jude Ephraim Beitel machte, um die Zulassung seiner Glaubensgenossen mindestens zum Handwerk von der Regierung zu erwirken, völlig erfolglos blieb. **) Wir haben uns etwas lange bei Kant aufgehalten, aber wir werden dadurch die Stellung der Nachfolger zum Judentum besser und schneller begreifen. Große Männer sind in Allem, was sie schaffen, prägnant, im Guten wie im Schlimmen. Wie Kant's Philosophie einen so vielseitigen Ideenreichtum entwickelte, daß sich in der Folge die verschiedensten Systeme davon speisten, so auch seine irrige Anschauung von Juden und Judentum. Wir werden sehen, wie jeder der Epigonen etwas ihm besonders Passendes daraus schöpft. Zunächst Fichte. In ihm gipfelt, wie Kant's philosophischer Idealismus, so auch dessen allzu realistische Judenfeindschaft. Er hat schon viel Aehnlichkeit mit dem modernen Antisemiten, der sich nicht viel auf ernsthafte theoretische Erörterungen einläßt, sondern gleich das herausgreift, was die Menge aufzu- *) S. 108, ed. Kirchmann. **) Vgl. auch den in Ralnner's Literaturblatt, Jahrg. XI. Nr. 33 von L. Friedländer mitgeteilten Brief Kant's über Isaak Euchel. Guchel hatte sich an den Königsberger Universitätssenat um vorübergehende Ueberlasiuug des vakant gewordenen Lehrstuhls für dac> Hebräische gewandt. Kant, damals gerade Dekan und als solcher um ein Gutachten angegangen, kann zwar dem Petenterl ein rühmliches Zeugnis nicht verweigern, macht aber auf ein Statut aufmerksam, das einen Juden der sakultas legendi für unfähig erklärt. Kant will zwar nicht intolerant sein, ebensowenig der Senat, sie sind es aber thatfächlich beide.

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