Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 durchaus noch nicht auf dem Standpunkt des Unsterblichkeitsgedankens im Sinne der Fortdauer der geistigen Persönlichkeit, sondern nur die Auferstehung ist den neutestamentlichen Schriften geläufig. Diese Idee aber führt, was keinem Zweifel unterliegt, geraden Weges auf Andeutungen in Ezechiel und Daniel zurück. Nur sind hier, ini Alten Testaineut, beide Ideen, entsprechend ihrer ungemein sublime» Natur, mit einer gewissen zurückhaltenden Scheu behandelt. Kant, und wie wir sehen werde», auch seine Nachfolger verkennen eben besonders zwei große Züge der israelitischen Lehre: einmal die gesunde Tendenz, das Mcnjchengemüt nicht über seinen letzten Zielen das vor ihnen liegende wichtige Mittelglied, die Erde mit ihren Pflichten und Rechten, vergessen zu lassen, und zweitens jene weise Beschränkung, welche uns so wenig als möglich zumutet, das Unfaßbare zu fassen und an die Pforte alles Nachirdischen, die ebenso Beruhigung gewährenden, wie zur Bescheidenheit mahnenden Worte schreibt: „Das Verborgene ist. des Ewigen, unseres Gottes." Kant scheint aber überhaupt das Alte Testament nicht näher zu kennen. Den» er stellt weiter das Christentum als diejenige Religio» dem Judentum gegenüber, welche den Frohnglauben abgeschafsjt und den moralischen eingeführt, der allein die Menschen heiligt, wie ihr Vater jim Himmel heilig ist." *) Er kennt also nicht das Gebot int 3 BucheMoses 19. 2.: IHeilig sollt ihr sei», denn heilig bin ich, der Ewige, euch Gott." Er weiß nicht, w e Jesaia jene Frommen geißelt, die Gott nur mit Mund! und Lippen ehren, deren .Herz von ihm fern, deren Furcht vor ihm »»> eingelerntes Menjchengebot. Er hat keine Ahnung von Satzungen, wie: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst; du sollst dich nicht rächen und nicht nachtragen, nicht hassen deinen Bruder in deinem Herzen, öffne», öffnen sollst du dem Bedürftigen deine Hand, geben, geben sollst du ihm, und zahlreiche andre, die, wie der Talmud sagt, dem Herzen anheimgegeben sind, also keineswegs in ein lediglich statutarisches Staatsgesetz gehören, sondern wesentliche Elemente einer durch und durch ethischen Verfassung biloen, wesentliche und nicht blos „angehüngte", weil sie alle mit Notwendigkeit aus dem Grundgedanken des Einen, allgerechten und allgütige» Gottes hervorquellen, wie sie auch zumeist mit den Worten schließen: „Ich, der Ewige " -4 Das Judentum hege einen Haß gegen das übrige Menschengeschlecht — sagt Kant — wie reimt er aber dies mit der immer wieder in den rührendsten Wendungen eingeschärften Mahnung, den Fremdling gleich dem Einheimischen zu liebe», eine Mahnung, die wieder aufs innigste zusackmenhängt mit der Grundlehre, daß Gott aller Schöpfer und Vater sei? Wenn Kant das Alte Testament wirklich kannte, wie war es möglich, daß er diese organischen Grundbestandteile des Judentums als später angchängte Zusätze betrachtete- Und von wem und aus welcher Zeit sollen diese Anhängsel stammen? Aus lder Zeit, da „diesem sonst unwissenden Volke" bereits griechische Weisheit zugeflossen. Zur Zeit aber, da eine Berührung des Judentums mit dem Griechentum stattfand, war der Canon bereits nahezu abgeschlossen. Aber gesetzt, die Zeit stimmte: von dem sittlich durch und durch faulen Griechentum, das in jedem Fremden einen Barbaren verachtete, dessen großer Philosoph Plato einen Jdealstaat zeichnete, in welchem die Familie der Zersetzung preisgegebe» wird und die Sklaverei und selbst widernatürliche Laster gebilligt sind, dessen Litteratur voll ist von Unkeuschheit und kaum eine schwache Spur von Menschenliebe ini Sinne des Judentums aufweist — non Griechenland soll das Judentum seine *) Das. 3. 153.