Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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99 Gebote moralischen Inhalts seien nur „Zusätze", ihm früher oder später „aNgehängt." 2. Werde von Fortdauer nach dem Tode geschwiegen und nur von solcher Vergeltung gesprochen, die in dieser Welt Jedermann zugeteilt werden könne. Der Gesetzgeber habe nicht ohne Kenntnis einer Idee sein können, die in den Religionen aller, selbst der roheste» Völker angetroffen wird, aber er überging sie mit Absicht, weil er lediglich ein unmittelbar irdisches Interesse, nur ein politisches, nicht ei» ethisches Gemeinwesen im Auge gehabt. 3, Sei es so weit gefehlt, daß das Judentum auch nur eine Epoche in. der allgemeinen Religionsgeschichte der Menschheit ausgemacht, daß es vielmehr gegen das ganze Menschengeschlecht eine feindliche Gesinnung hegte und ans seiner Gemeinschaft ausschloß. Auch der jüdische Monotheismus sei gar nicht so hoch anzuschlagen, denn inan fände bei de» meisteii Völker», daß ihre Glaubenslehre gleichfalls darauf hinausging, und nur durch die Verehrung gewisser Untergötter sich des Polytheismus verdächtig machte. Ein Gott, wiederholt Kant, der blos die Befolgung solcher Gebote will, dazu gar keine gebesserte moralische Gesinnung erfordert wird, ist doch eigentlich nicht dasjenige moralische Wesen, dessen Begriff wir zu einer Religion nötig habe». Diese würde noch eher bei einem Glauben an viele Götter stattsinden, wenn ein Volk sich diese etwa so dächte, daß sie alle darin überein kämen, ihres Wohlgefallens nur den zu würdigen, der mit ganzem Herzen der Tugend anhinge, als wenn der Glaube nur einem einzigen Wesen gewidmet ist, das aber aus einem mechanische» Cultus alles macht. — Nun kann zwar K. nicht leugnen, daß das Christentum aus dem Judentum entstanden, aber das, sagt er, geschah zu einer Zeit, da diesem sonst unwissenden Volke bereits griechische Weisheit zugekommen war, welche dazu beitrug, es durch Tugendbegriffe aufzuklären. Kant weist dann jede innere Gemeinschaft des Christentums mit dem Judentum ab. Die erbaulichen Betrachtungen aber, sagt er an einer weiteren Stelle, die man an den wunderbaren Fortbestand Israels knüpfte, seien von keinen« Belang. Denn Jeder könne dabei seine Rechnung finden; der Jude, indem er darin eine» Beweis für eine besondere providentielle Bedeutung, ein Zeichen besonderer göttlicher Gnade erblicke. andere, indem sie darin ein «varnendes Exempel dauernder Verworfenheit erkennen. *) So weit Kant über das Judentum. Sie sehen, es ist fast ein psychologisches Rätsel. Ein Mann, der mit so Heller Fackel die Eulen mittelalterlicher Metaphysik verscheucht hat, ist noch so tief i» mittelalterlichem Wahn befangen, daß er sich Gott als einen ewig Verdammenden vorstellen kann, daß er die Erscheinung, wie ein winziges Volk, umgebe» von lauter abscheulichem Götzendienst seinen reinen Monotheismus durch die Jahrhunderte bewahrt. so völlig verkennt, daß ihm, dem seine Philosophie nur einen schüchternen Blick in das Uebersinnliche zu thun gestattet, zwar die andersivo befindlichen krassen Ausmalungen eines Schwefel- und Feuerpflihls der Hölle niit Heulen und Zähneklappern keinen Anstoß bieten, «vohl aber das wundervolle, erhabene Schweigen des alten Testaments über alle Details eines nachirdischeu Fortlebens, ein Schweigen, das zwar von wenigen, aber desto bedeutsameren Himveisen auf Unsterblichkeit unterbrochen ist. Uecherdies setzt hier Kant etwas voraus, «vas eigentlich nicht zutrifft. Das Neue Testament steht, wie der berühmte Philosophhistoriker Ed. Zeller erinnert,**) *) Religion, innerh. d. Grenzen der bloß Vernunft. S 149ku S. 103t'. (e>l. .üirchmann ) **) Bortr. u. Abhandl. S. 262. 9*