Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98 gewisse allmählige Verfeinerung, eine klärende Wandlung der Anschauungen — ein Thatbestand, der uns tifotz der berüchtigten gegenwärtigen Bewegung das Beste für die Zukunft erhoffen läßt. Der tobende Äntisemitisnius unserer Tage wird uns von diesen Gesichtspunkte aus als die letzte verzweifelte Anstrengung erscheinen, welche der harfnäckigste unter den tödtlich getroffenen mittelalterlichen Jrrtiimern macht, um sich z» behaupte», als ein letzter verzweifelter Versuch, eine innerlich zerfallene!, verlorene Sache zu halten. Zwar — wie gesagt — nur ein geringes Licht ist es, das wir von dem zu entrollenden Bilde erwarten dürfen, aber es ist ein — wenn auch nur langsam — wachsendes Licht, ein Licht, das trotz allem Widerspruch den Morgen verkündet. Zunächst freilich finden wir no>h tiefe nächtliche Schatten selbst auf denjenigen Höhen gelagert, von denen der erste Strahl echter philosophischer Weisheit erglänzte. Kant, der Vater des Kriticismns, d. i. derjenigen nüchtern prüfenden voraussetzniigslosen Forschungsart, welche die Neuzeit kennzeichnet und sie großgemacht, Kant, der mit allem gebrochen, was die mittelalterliche Weltweisheit mühsam aufgcbaut: mit den Vorstellungen des Mittelalters über Inden und Judentum hat er nicht j,n geringsten gebrochen. Er ist vielmehr in Bezug hierauf ei» treper Sohn tiefster Mittelalterlichkeit. Selbst Lnther hatte in seiner früheren Periode eine gerechtere, wissenschaftlichere Sprache gegen das Judentum geführt, von Renchlin zu schweigen, aber Kant — es ist kaum glaublich, wie gehässig er sich gegen dasselbe äußert. Kaum glaublich — sage ich — wenn man sich nämlich d e bezaubernde Liebenswürdigkeit vergegemvärtigt, mit der er sich Mendelssohn und feinen jüdischen Schülern gegenüber benimmt. Mendelssohn zollt er in seinen Briefen und Hauptschriften rückhaltlose Verehrung, er umarmt ihn in Gegenwart der Königsbergcr Studenten, welche roh genug waren, den schüchternen, jüdischen Weltweisen kurz vorher mit wohlfeilem Spott zu kränken. Markus Herz behandelt Kaut als seinen innige» Freund und Lieblingsjünger. Da er beim Antritt feiner Professur ein philosophisches Thema zu vertheidigen hat, erwählt er Marsns Herz für die Rolle eines Beistandes, und trotz der Bedenken einiger Universitätsvertreter, das; einem Jude» eine solche Ehre zu Teil werden soll, beharrt Kant auf seiner Wahl. Eine lange Reihe von Briefen zeugt von dem geradezu herzliche» Verhältnis, das zwischen beide» Männern bestand. Einer dieser Briefe beschäftigt sich auch eingehend mit Salomo » M a i m o n, jenem wundersameii! litthauischen Autodiklaten, der sich in kurzer Frist vom Analphabeten zum scharssiunigsten Kantianer emporschwang. Kant sagt von ihm, daß nicht allein Niemand von seinen Gegner» ihn so gut verstanden, sondern nur Wenige zu dergleichen liefen Untersuchungen so viel Scharfsinn besitze» möchten, wie er. Und doch ist es Thatjache, daß Kant an den vorurtcilsvollsten Ansichten über Inden und Judentum festgehalten und so seinen Nachfolgern ein verderbliches Beispiel gegeben hat. Denn es wird sich zeigen, wie diese mehr oder weniger nur seine Aeußerungen , nachbeten und weiter spinnen. Kant's edle Menschlichkeit durchbrach alles dichte Gewölk überkommenen Hasses, wenn er mit Inden in unmittelbare Berührung trat, aber kaum hörte diese auf, so drang das Gewölk wieder in seine Stelle — es war noch zu mächtig, um dauernd freieren Uebtrzeugungen zu weichen. Das Judentum — sagt Kant — ist überhaupt gar keine Religion, sondern nur ein Inbegriff statutarischer Gesetze, bestimmt, darauf eine Staatsverfassüng zu gründen. Beweis: 1. Alle seine Satzungen betreffen lediglich äußerliche Handlungen ohne Absicht auf moralische Gesinnung. Seine