Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- Seite 88 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2969669-2969947-2969952--3505-2976896- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
88 mit ihrer religiösen Auschänung und, der Forderung einer durch dieselbe bedingten, milderen Kultur, welcher das Mcnschenopfe^r ein Greuel war. durchdrungen ist. De Schöpfung dieser Reform Partei ist da Mosnismus verstehen." I iNun wird Micha zum Hauptreformator gestempelt durch seine», allerdings hochethiv>chen Satz: „Es ist Dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was der Ewige vu Dir fordert, nämlich Gottes Wort! halten und Liebe üben und demütig fei» vor dem Herrn." Sätze ähnlichen Inhalts sind schon im Pentateuch in Menge *ii finden. Bon der Poesie der Hebräer, namentlich von dem hohen Liede, den Psalmen, dem Prediger und den Sprüchen, ist Scherr geradezu entzückt. So sagt er z. B. vom „hohen Liede", daß es das köstlichste Erzeugnis der rein weltlichen Lyrik der Hebräer sei und alle Süßigkeit und allen Wohllaut eines liebetrunkenen, genußfrendigcn Herzens über die balsamischen Gewürzgärten und grünenden Weinberge einer sonnigen Landschaft ausströme. Geniäß dem herrlichen Satze Scherr's, daß die Poesie eines Volkes die Blüte seiner Kultur in seiner höchsten Entfaltung sei,- muß Israel einst ein in hohem Grade gebildetes Volk gewesen sein. Wir ivüren jetzt schon am Schlüsse ui serer Betrachtung angelangt, wollten wir Scherr's Ansicht über Hebräer und Hekräertnm in neuerer christlicher Zeit nicht Mich noch hören. Rach der Meinung des Verfassers der „Geschichte der Religion" haben die Hebräer auch ohne eigentliche Heimat ihre geistige Einheit bewahrt. „Die weitere Geschichte des Judentums," führt Scherr aus, „bietet in der Weltgeschichte den einzigen Anblick eines Volkes, welches, obwohl es keine — eigentliche — Heimat mehr besitzt und keinen Staat mehr bildet, doch nicht in die übrigen Volker eingegangen ist, sondern sich als einchgeistige Einheit behauptet hat." Scherr, welcher aber dennoch jeden Fortschritt im Judentum leugnet, behauptet sogar — inst welchem Recht, das lassen wir dahin gestellt sein — daß die hervorragendsten Leistungen jüdischer-Denker und Gelehrten, namentlich auf dem Gebiete der Philosophie, ganz von Eiimüssen abhingen, welche dem Judentunie durchaus fremd seien. Ein Moses Maimonides, ein Spinoza und ein Moses Mendelssohn, meint er, philosophirte > so wenig im Geiste des Judentums, als Aristoteles im Geiste der homerisch-hesiodischen Volksreligion philosophirt hat. Um unsere Arbeit nicht noch weiter auszudehnen, eilen wir zum Schlüsse und stehen!ganz auf Scherr's Seite, wen» er schreibt: „Der Islam, insbesondere der maurisch-spanische, beschämte überhaupt im Mittelalter die christliche Intoleranz gegeü die Juden, von welcher wir an einer anderen Stelle ausführlich gehandelt haben. Erst der HnmaniEmus des achtzehnten Jahrhunderts, und noch mehr die französische Revolution und die Napolcon'sche Gesetzgebung begannen die barbarischen Fesseln zu brechen, in welche das mittelalterliche Christentum die Judenschaft geschlagen hatte." So warm nun Scherr auch die verfolgten Juden in Schutz nimmt und so sehr er ihre Leiden zu schildern nnd auszumalen und Mitleid für dieselben zu erregen versteht, so stümperhaft und unzulänglich sind seine Ausführungen über den Talmud und dessen Urheber. Von unfern im Mittelalter lebenden großen Philosophen und Dichtern, einem Iben Esra, Salomo Gabirol, Juda Haleoi rc., weiß er gar nichts , zu sagen und vergebens wird man nach ihren Namen in seinen! umfangreichen Werke suchen.