Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- Seite 86 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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86 mit einer nicht unbedeutenden wissenschaftlichen Bildung, den praktischen Lehrer und den bescheidenen, strebsamen und aufrichtigen Mann. Kurz nach seiner Ankunft wurde er nach Detroit berufen, die damals junge Gemeinde zu leiten und aufzubauen. Beinahe ein Jahrzehntwaltete er dort seines mühevollen Amtes als Prediger und Lehrer zur vollständigen Zufriedenheit der Gemeinde ehrenhaft und Achtung gebietend. Trotz vielseitiger Amtswaltung fand Herr Adler immer noch Zeit, interessante und gern gelesene Beiträge für die „Deborah" zu schreiben. Später wurde er nach der „Ansche Mares Gemeinde" in Chicago berufen, die ihm einen erweiterten, seiner Bildung mehr angemessenen Wirkungskreis darbot- Auf diesem Posten, den er bis vor wenigen Jahre», als die Gemeinde in Alters halbers pensionirte, inne hatte, erwies sich Herr Rabbiner Liebmann Adler als ein tüchtiger, anfrichtiger und strebsamer Volkslehrer ans der Kanzel, in der Schule und in der Familie. Viele seiner Kanzelvorträge nebst andere» Aufsätzen sind in der „Deborah" erschienen, welche ihn zu», Liebling sehr vieler Leser machten und seinem Namen einen gute» Klang verliehen. In Chicago war Adler sehr beliebt und hochgeachtet, hatte viele warme Freunde und stand sehr hoch als Mann und Bürger bei allen Klassen. Der conservative Geist, der in der Geüieinde noch immer seine Nachklänge hat, ist eigentlich Adler's Geist, der die seltene Kunst verstand, reformatorisch und belehrend zu wirken, ohne das religiöse Leben zu schädigen, mit Sanftmut, Bescheidenheit, Ausdauer und Klugheit, fromm und still seines Amtes zu walten. Liebmann Adler war zu bescheiden und friedliebend, sich an den Streitfragen des amerikanischen Judentums zu beteiligen. Er war in einer Rabbinerversammlung in Cleveland 1871 und in jder Versammlung des rabbinischen Literaturvereins in Chicago 1882 anwesend, und wurde im Juli 1891 zum Ehrenmitglied der Zentralkonferenz amerikanischer Rabbiner gewählt. Bei der Gründling der Union der amerikanisch-hebraischen Gemeinden jedoch und des Hebrew Union College war er. mit Herz und Seele dabei, svdaß er einige Male von der Union als Prüfungskommissär ernannt wurde, und sonst auch beinahe bei jeder Jahresprüfung im College — auch noch im letzten Juni — vom Anfänge bis zum Ende anwesend war und sich mit großer Aufmerksamkeit daran beteiligte. Weit^ hinaus über Amerika ^urde Rabbiner Liebmann Adler rnhmilichst bekannt durch sein vierbändiges Werk: Betrachtungen dem Texte der fünf Bücher Moschehs folgend, anfangs Ze'nah Ure'nah genannt, der letzte Band folgt den Propheten. Dieses Werk, ^das Denkmal Adler's, ist auch ein treues und vollständiges Abbild seines Lebens, seines Charakters, seines Denkens und Fühlens, wie nur er selbst es zeichnen konnte. Daraus spricht von jeder (Setterber liebevolle, patriarchalische, gottesf irchtige und bescheidene Volkslehrer, dem vas Judentum, die heiligen Bücher und die edelste Sittlichkeit-über Alles geht, der es verachtet durch Redeschmuck und Redeschwung oder auch den ihm eigenen Humor die tief empfundene Wahrheit auf den Markt zu bringen. In einer! kindlich einfachen und klaren Sprache zeigt er uns das Edelerz der heiligen Schrift, will nicht glänzen, nicht bestechen, nicht einschüchter», willeinfach lehren, Jung und Alt, Priester und Laien belehre» nicht nur über den vorzüglichsten Gehalt der heiligen Schrift, sondern auch über das Wie. die rechte Methode, wie tnan zum Volke spricht. In diesem Büche giebt sich der herrliche Mann so vollständig, daß wir nichts hinzufügen können. Das Andenken des hervorragenden Lehrers in Israel, des treuen Freundes, dessen Hintritt uns niit schmerzlicher Trauer erfüllt, bleibt ein gesegnetes.