Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- Seite 85 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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85 Kenry Ward Weecher über den drei und zwanzigsten Malm. Dieser Psalm ist die Nachtigall unter den Psalmen. Er ist klein, schmucklos an Gefieder, nur scheu aus der Verborgenheit hervorsingend, aber er hat den Luftkreis der Welt mit melodischer Freude erfüllt, mit größerer, als sie das Herz fassen kann. Gesegnet sei der Tag, an dem dieser Psalm gesungen ward! Was würdest du sagen, wenn Gott einen Wanderer ausgesandt hätte, der die Erde auf- und abginge, eine wunderbare Melodie singend, die Jeden, der sie hörte, seinen Kummer vergessen ließe? Wenn dieser singende Engel durch alle Länder zöge und in der Sprach^ jedes Volks durch die Töne seines Liedes, die mit göttlicher Kraft seine Brufr durchströmen, jeden Schmerz stillte? Siehe, dieser Psalm ist ei» solcher Engel. Ihn hat Gott ausgesandt, in jeder Sprache der Erde zu reden- Er hat niehr Sorgen und Schmerzen gelindert, als alle Philosophen der Welt. Er hat mehr böse Gedanken, mehr dunkle Fragen, mehr nagende Sosgen in ihre Höhlen zurückgedrängt, als es Sand am Meere giebt. Er hat die ödle Schaar der Arme» getröstet. Er hat dem Heere der Betrübten Mut zugesunge». Er hat Balsam iu das Herz des Kranke», den Witwe» in ihren zehrenden Schmerz, den Waisen in ihre Verlassenheit ausgegosse». Sterbende Krieger sind leichter gestorben, wenn sie diesen Psalm hörten; er hat totenbleiche Antlitze mit Hoffnungsschimmer gefärbt, er hat den Gefangenen in seiner Zelle besucht, seine Ketten zerbrochen und ihn wie ein Engel in den Bildern seiner Phantasie aus dem Kerker herausgeführt und ihn zurück in sein Hans gesungen. Er hat den sterbenden Sklaven freier gemacht, als es sein Herr mar. Er hat die Hinterbliebenen getröstet, welche nicht darum trauerten, daß der Gestorbene von ihnen gegangen, sondern, daß sie noch nicht mit ihm gehen konnten. Und noch ist sein Werk nicht vollendet. Singend wird er gehen zu euren Kindern und zu meinen Kindern und zu deren Kindern durch alle Geschlechter und Zeiten. Und nicht früher tvird er seine Flügel ausbreiten, bis der letzte Erdenpilger gerettet und die Zeit abgelaufen ist Dan» wirtr er zu. dem Herzen Gottes zurückfliegen von wo er herniederkam, und wird forttönen in dem Chor jener Klänge himmlischer Freude, die für ewige Zeiten in den Harmonien des Himmels zusammenklingeii werden. Wabbiner Lieb mann Adler. Freitag, den 26 Januar 1892, verschied der gute, gottesfürchtige und edle Herr Liebniann Adler in Chicago nach langwierigem Leiden und wurde am Sonntag zur letzten Ruhe bestattet. Er war achtzig Jahre und eine» Monat alt, hinterläßt eine trauernde Wittme, Söhne, Töchter und Enkel, die »in de» geliebten Toten weinen, und viele Freunde und Verehrer in und außerhalb Ehicago's, die der Tod des hochgeehrten Mannes in tiefe Trauer versetzt hat. Dieser ausgezeichnete Mann kam .im Jahre 1854 mit Frau und Kindern aus einer sächsischen Stadt nach den Vereinigte» Staate» und begab sich zu seinem Bruder Heinrich Adler nach Lawrenceburg im Staate Indiana, in der Nähe von Cincinnati. Man erkannte in ihm bald den tüchtigen Talnmdisten, verbunden