Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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77 Hungers, besonders die von zartem Alter. Mütter, die sich kaum selbst forterhalten konnten, trugen ihre verhungerten Kinder auf den Arme» und starben mit ihnen. Biele erlagen der Kälte, Andere quälendem Durst, während die ungewohnten Leiden einer Seereise ihre Krankheiten verschlimmerten. Uebcr die Grausamkeit und Habgier, denen sie von den Eigentümer» der sie ans Spanien fortschaffenden Schisse ausgesetzt wäre», will ich schiveige». Einige wurde» i» Befriedigung solcher Habgier ermordet, Andere gezwnnge», ihre Kinder zn verkaufen, um die Koste» der Uebersahrt zu zahlen. Sie kamen haufenweise in Genna, an, durften daselbst aber nicht lange verweilen, da ein altes Gesetz den jüdischen Reisenden nur drei Tage Aufenthalt gestattet. Jedoch wurde ihnen erlaubt, ihre Schifte auszubessern und sich einige Tage von de» Beschwerde» der Reise zu erholen. Man hätte sie sür Gespenster halten können, so abgeinagert waren sie, so leichenhaft sahen sie ans. Sie waren von Toten nur dadurch zu unterscheide», daß sie sich bewegten. Und selbst das konnten sie kaum mehr. Sie sanken in Ohnmacht und starben auf dem Hafendamm, der von der See rings umgeben, der einzige, den elenden Ausivanderen gestattete Aufenthaltsort war. Die durch einen solchen Schwarm von Toten und Sterbenden verbreitere Verpestung wurde nicht sofort bemerkt. Doch Ende des Winters zeigten sich Geschwüre, und die Krankheit, die schon lange in der Stadt dauerte, brach im nächsten Jahr als Pest ans." i Preseott I. 526.) Die glücklicheren Auswanderer schifften nach der Türkei und der Levante, wo ihre Nachkommen noch Jahrhunderte lang die castilianische Sprache redeten. Bekanntlich sprechen die Espagnolen, die sog. portugiesischen Juden, dort noch jetzt spanisch, oder einen daraus gebildeten Dialekt. Andere Auswanderer zogen nach Frankreich und England „Der heutige Jude — schreibt der Anglo - Amerikaner Preseott — blickt noch mit Vorliebe auf Spanien zurück, als das gelobte Land seiner Väter, an dessen ereignisreiche Geschichte sich die ehrenvollsten Erinnerungen für ihn knüpfen." Die Zahleuangaben der aus Spanien vertriebenen Juden schwanken zwischen 160,000 und den von Llorente angenommenen 800,000. Dem oft schon erwähnten Pfarrer von Palaeios soll ein jüdischer Rabbiner, den er getauft, die Zahl der Vertriebenen auf 36,000 Familien angegeben haben; eine andere, jüdische Quelle nennt 35,000 Familien. Der mitvertriebene jüdische Staatsmann und Gelehrte Don Jsac Abrabanel gibt die Zahl der Vertriebenen auf 300,000 an. Der Schaden dieser Vertreibung — urteilt Preseott (I. 528• — „bemißt sich weniger nach der Seelenzahl, als nach der Entziehung der Kenntnisse, der Geschicklichkeit, der Bildung und der allgemeinen Hnlfsquellen einer vorzugsweise gewerbthätigen Bevölkerung. Man muß de» Verlust für Spanien als unersetzlich betrachten." Sultan Bajazet, der die gewerbfleißigen Flüchtlinge ausnahm, sprach verwundert: Rennt man diesen Ferdinand einen staatsklugen Fürsten, der im Stande sein konnte, sein großes Königreich arm zu machen, um das unsrige zu bereichern! Der schon erwähnte spanische Gelehrte Castro führt in seiner Bibliothek der spanischen rabbinischen Schriftsteller eine große Anzahl als damals Vertriebene ans, darunter einen, der ei» bedeutender Arzt i» Genua wurde, und einen, den König Emanuel von Portugal als Astronom und Geschichtsschreiber in seine Dienste nahm. Von so manchem dieser spanisch-jüdischen Schriftsteller heißt es bei Castro unter Inhaltsangabe seiner Schriften und Hervorhebung seiner Gelehrsamkeit und Bedeutung: