Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 fue echado de Espanna, .con todos los demas Indios «jue habia en este Reyno en el anno de Cristo 1492. „er ward aus Spanien vertrieben mit dein ganzen Judenvolk, das in diesem Königreiche gewohnt hat, im Jahre Christi 1492.* Selbst die fanatischen spanischen Zeitgenossen, die der Vertreibung von Haus aus zustimmten, gelangten allmählich zu anderer Anschauung. Muratori schrieb: Die Sache erschien auf den ersten Anblick lobenswert, weil cs sich um die Ehre unserer Religion handelt, doch schließt sie etwas (!) Grausamkeit ein. wenn wir sie (die Juden) nicht als Tiere sondern als gotterschaffene Menschen ansahen. (Res haec primo conspeetu laudabilis visa est, <juia decus nostrae religionis resbiceret, sed aliquantulum in se crudelitatis continere, si eos non belluas sed homines a Deo ereatos eonsideravimus.) Und der Florentiner Pico von Mirandola schrieb — wiederum für seine Zeit naiv, für unsere ironisch: Die Leiden der! Juden, woran die göttliche Gerechtigkeit ein Ergötzen hatte, waren so groß, daß sie uns Christen mit Mitleid erfüllten. Zunächst machte sich infolge der Vertreibung ein Mangel an Aerzten in Spanien fühlbar. Der Rat der Stadt Vitoria klagte bereits 1493, daß ' die Stadt keine Aerzte habe, weil die jüdischen vertrieben worden! In dem furchtbaren Trauerspiel von vor vierhundert Jahren, der Vertreibung der Juden aus Spanien, sind, wie in einer echten und rechten Tragödie, die Helden — die Juden — unterlegen und doch Sieger geblieben; die Jntriguanten, die geistlichen Würdenträger, die Anstifter der Inquisition, damals die Sieger, längst von der Geschichte gerichtet. Wie die Geistesblnthen der jüdisch-spanischen Poesie und Philosophie nach Jahrhunderten noch im Lorbeerhain der Kunst und der Wissenschaft prangen, in den Herzen und Köpfen spätester Nachkommen segensreiche Früchte treiben, so sind die Nachkommen der vertriebenen spanischen Juden, sind die Nachkommen vieler unter den, dem Scheiterhaufen entronnenen, zum Judentum, das sic im Herzen nie aufgegebe», auch offen zurückgekehrten Myrannen in den Ländern, die sich ihnen gastlich öffneten: in Italien, Frankreich, Holland, England Deutschland, (wenigstens Hamburg), in der Türkei dankbare, tüchtige Söhne ihres neuen Vaterlandes geworden; und ob sie auch lange Zeit noch die ruhmvollen Jahrhunderte ihres spanischen Glanzes begeistert im Herzen trugen, ob sie auch oft in dieser geschichtlichen Rückerinnerung ihren Glanbensgenossen, zumeist deutschen Ursprungs gegenüber, eine Sonderstellung einzunehnien suchten: die Zeiten sind geschwunden und schwinden mehr und mehr. Heutzutage spuckt nur noch in der Einbildung eines judenfeindlichen Geschichtsschreibers der Wahn eines Vorzugs der spanischen vor den deutschen Juden. Allerdings sollen und wollen wir nie vergessen, daß jenen ein Spinoza, ein Heinrich Heine, ein Montefiore, ein Cremieux, eine Familie Luzzato entstammten, daß der portugiesische Ritus die Grundlage für Reform und Weihe des jüdische^ Gottesdienstes in Deutschland geworden ist. Aber heute stehen spanische und deutsche Juden völlig ebenbürtig zu einander und mit einander. Welche andere Lehre aber der Rückblick „Vor vierhundert Jahren" unsereir Tagen, unferm Geschlechte bietet, bedarf es noch der ausführlichen Darlegung? Stehen wir Nicht heutzutage vor einem weit entsetzlicheren Trauerspiel? Ist das, was vor vierhündert Jahren in Spanien sich ereignet, was dort viele Tausende