Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1892-03-01 · Heft 3 (1.3.1892) · p. Seite 61

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 3 (1.3.1892)
Date
1892-03-01
Page
Seite 61 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2969669-2969947-2969951--3475-2976865
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

61 Die durchaus kirchlich gefärbte Darstellung läßt, wie schon Neubauer S. 63 jiieint, einen Mönch als Verfasser vermuten, wie der zweite Brief einen Ritter zum Verfasser habe» mag. In glänzender Weise werden die Thaten des Apostels Thomas gefeiert, auch der heiligen Catharina geschieht rühmende Erwähnung. Die unbequeme Gewohnheit der „Waldmenschen" (es scheinen Affen gemeint) des Nachts aus Furcht vor den Schlangen auf die Bäume zu klettern und dort die Nacht zuzubringen, haben sie nach dem Autor aunehmen müssen zur Strafe dafür, daß sie den heiligen Thonias zu Tode gemartert haben. Der Märtyrer ist aber auch »ach seiner Ermordung noch „ein kostbarer Besitz" für das ganze Land, indem er jedes Jahr an seinem Sterbetage wiederausersteht und an seinem Sarge erbauliche Vorträge hält und seine Gebeine Wunder wirken. Die Uebersetzung ist' eine sklavisch treue, ja sie behält sogar durchaus nicht besonders liebenswürdige Bezeichnungen der Juden bei, ganz anders wie in den früher genannten Briefe», wo König Johannes sich in lobenswerter, aber schwerlich der Vorlage entsprechender Bescheidenheit dem Oberkönig der Juden Daniel unterordnet, der mehr Festungen und Krieger besitzt und vor dem er beständig ans seiner Hut sein muß. Die Treue der Uebersetzung, der zu enge Anschluß an das Original macht sie zuweilen schwer verständlich und würde häufig eine Rückübersetzung in die Sprache des Originals ermöglichen Scheide» wir für diesmal »ach dieser flüchtigen Skizzierung der Hauptmoinente von einem Litteraturdenkmal, das vielleicht später genauer betrachtet werden wird. Johannes Scherr über Kebräer und Kebräerthum. Vom Kulturhistoriker Johannes Scherr, welcher in seiner „Geschichte der Religion," (Otto Wiegand, Leipzig) den obersten Leitsatz aufstellt: „Aller Religion Wurzel ist das Gefühl der menschlichen Schwäche," steht gewiß nicht zu erwarte», daß er mit allzu großer Herzenswärme an die sich gestellte, keinenwegs leichte Aufgabe herantrete. Und dennoch wider alles Erwarten, stoßen wir iil seinem übrigens geistreichen und Duldung athmendem Werke auf Stellen die den Verfasser geradezu zu einem weichherzigen, edlen Menschen stempeln. Um Scherr richtig zu verstehen, bedarf er nur eines klare» Verstandes und um mit ihm zu fühlen, eines zart besaiteten Herzens. Einen Tadel jedoch können wir Scherr nicht ersparen. So unpartheiisch und wahrheitsliebend im Großen und Ganzen er auch ist, so dürfen wir dennoch nicht hoffen, obschon er sich zum Pantheismus bekennt, d. h. über allen Cviifesiionen steht, daß er den Juden und dem Judentum volle Gerechtigkeit widerfahren lassen werde, denn bei : aller Objektivität, deren sich Scherr befleißigt, bleibt er trotzdem subjectiv befangen und sucht jegliche Gelegenheit, um dem Judentum etwas am Zeuge flicken zu lönnen. Einer von Scherr's größten Fehlern ist der, daß er überall \ Menschenopfer wittert und ihm vor allem die Emanzipation der Frauen — ' ob mit Recht oder Unrecht, das lassen wir dahingestellt sein — am Herzen liegt, welcher er auch stets mit Wärme das Wort redet. Da jedoch, wo er auf den Optimismus des Judentums, ans quellendes Leben, auf die That in demselben stößt, steht er stets auf Seiten der Hebräer, denn die Denkungs- und Handlungsweise ist seinem Charakter homogen. So freidenkend Scherr nun auch ist, so

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.