Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1892-03-01 · Heft 3 (1.3.1892) · p. Seite 57

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 3 (1.3.1892)
Date
1892-03-01
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2969669-2969947-2969951--3471-2976861
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

57 die ihnen oft die einfachsten Menschenrechte, ja selbst die Berechtigung zum Leben raubte, haben sie sich bis zu Ende des Mittelalters ununterbrochen in ihrem geistigen Leben fortentwickelt und den übrige» Völkern die Grundlagen der Sittlichkeit und des geistigen Lebens betvahrt und überliefert. Wie geistig edel angelegte Naturen strauchelten sie wohl zuweile», wenn glückliche Augenblicke ihnen das Leben zu leicht machten, aber jede Widerwärtigkeit, jedes Elend, das ihnen nur halbwegs menschliche Existenz lieh, Hot nur den Erfolg gehabt, sic zu veredeln, sie zu höherer geistiger und sittlicher Anstrengung zu beleben." Diese Worte Schleidens finden ihre Bestätigung auf jede», Blatte der jüdischen Geschichte jener finsteren Zeit. Keine geistige Strömung des Mittelalters blieb den Juden ganz fremd. Ihr empfänglicher Geist erfaßte eine jede, um sie in der Regel bald zu beherrschen. Selbst ihnell ganz fernliegende Wissenszweige wurden von ihnen kultiviert. In der Bodleiana zu Oxford befindet sich ein Werk eines Juden über Reitkunst und ein anderes handschriftliches Fragment (jetzt von Neubauer ediert in seinen Mediaeval Jewish Chronicls,) über das mir Neubauer näheres mitgeteilt hat, und das interessante Auszüge aus der von mir edirten jüdischen Fürstenchronik enthält, citiert sogar den Strabo und Nikolaus von Damaskus, Herodes Hofhistoriographe», die wenige Gelehrte jenes Zeitalters dem Namen nach kennen mochten. Ein merkwürdiges Beispiel davon, wie wenig die Ghettomauern den jüdischen Geist fesseln und zurückhalten konnten von der Beteiligung an den litterarischen Bewegungen in der Christenwelt bildet die jüdische Johanneslitteratur. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts verbreitete sich das Gerücht in Europa, im fernen Asien herrsche ein mächtiger christlicher König, der Priester Johannes, der die Muhamedaner in einer blutigen Schlacht besiegt habe und nun ein gewaltiges Heer zum Schutze der bedrängten Kreuzfahrer heranführe. Der Historiker Bischof Otto von Freisingen berichtet, daß um das Jahr 1145 der Bischof von Gabala dem Papst Eugen III. von diesem König Johannes berichtet habe. Zum Jahre 1165 verzeichnet dann Albrecht (Chron. II, 345) Folgendes: „Um diese Zeit sandte der Presbyter Johannes, König der Inder, seine viel wunderbares enthaltenden Briefe an verschiedene christliche Herrscher, insbesondere an Emanuel von Konstantiiiopel und Friedrich (Barbarossa) den römischen Kaiser. Nach anderen (s. Petis de la Croix „Hist, du grand Genghizran" p. 31.) sollen auch Papst Alexander III., Ludwig VII. von Frankreich, ja sogar dem König von Portugal ähnliche Schreiben zugegangen sein. Ein solches angebliches Schreiben des sagenhaften Priesterkönigs, gerichtet an den byzantinischen Kaiser Manuel, ist uns in zahllosen Handschriften und Bearbeitungen erhalten * *) Es giebt von ihm lat., franz., engl., italienische Handschriften,- eine einzige unter den fot 2) trägt statt der Adresse Manuels, die Kaiser Friedrich Barbarossa's. Ein wertvolles Denkmal der geographischen Vorstellungen des Mittelalters, hat der sogenannte Presbyterbrief die meisten jener abenteuerlichen Ansichten ausgenommen, die aus dem charakteristische» Verfahren der mittelalterlichen Wissenschaft hervorgingen, nicht den Erfahrungsweg zur Erforschung des Unbekannten zu betreten, sondern durch Folgerung aus unrichtigen oder falsch ausgefaßten Naturansichten, auch wohl durch buchstäbliche Deutung von Stellen der Offenbarnngsschriften ihre Ergebnisse zu gewinnen. Bekannt ist die ‘) s. Za rucke in mehreren Abhandlungen der sächsischen Akademie der Wisi., philologischhist. Klasse und Oppert. „Der Presbyter Johannes in Sage und Geschichte." Berlin 1864 a. Ausl. 1871. *) f. Abhandlungen der Münchener Akadem. d. Wisi. 1877.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.