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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1892-03-01 · Heft 3 (1.3.1892) · p. Seite 55

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 3 (1.3.1892)
Date
1892-03-01
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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zugeworfene Brosame von Freundlichkeit! Während mancher deiner Stammesbrüder dir zum Verkehr zu gering erscheint, würdest du es als eine hohe Ehre ansehen, wenn ein außerhalb deines Bekenntnisses Stehender, und stände er auch auf einer niedrigeren Stufe der Bilduilg und Gesittung, dich seines näheren Verkehrs und Umgangs würdigen wollte. Den Interessen deiner Glaubensgemeinde dich zu weihen, deine Zeit und deine Kraft in de» Dienst ihrer Angelegenheiten zu stellen, an ihren Versammlungen und Beratungen, an ihren Zusammenkünften und Vereiiiigungkn, Teil zu nehme», das gestattet dir deine Ehre, deine gesellschaftliche Stellung nicht, das widerstrebt deiner Neigung, deinem Geschmacke; aber das geringfügigste Amt in nichtjüdischem Kreise beglückt dich, nimmst du als hohe Ehre und Auszeichnung gern entgegen. Und dieser Sinn, dieses egyptische Erbe, wächst oft mit dem Besitze, erhöht sich mit der äußeren Stellung. So lange deine Verhältnisse bescheiden, fühlest du dich niit deinen Stammesbrüdern noch eng verknüpft, innig verbunden, lebst du in inniger Gemeinschast mit de»selbe», empfindest du dich als ein lebendiges Glied des jüdischen Stammes Hak sich aber deine Habe gcmehret, dein Besitz erweitert, hast du auf der Stufenleiter der gesellschaftlichen Stellung eine höhere Staffel erklommen oder glaubst du wenigstens eine solche erstiegen zu haben, dann lockert sich das Baud oft immer mehr, das dich an deine Glaubensgenossenschaft knüpft, dann wendest du dich oft kalt und gleichgültig, wenn nicht gar geringschätzig und verächtlich von deine» Stammesbrüdern ab, bist unwillig, daß dein Aeußeres allzu sehr an deine jüdische Herkunft mahnt und möchtest es um jeden Preis vergessen machen, daß jüdisches Blut in deinen Adern fließt. Seht, daher die Verkümmerung unserer religiösen Angelegenheiten, die Verwahrlosung und Verödung unseres Gottesdienstes, das Daniederliegen unseres Bereinswesens: weit wir unser eigenes Glaubens- und Geistesgut so überaus geringschätzen und immer lüstern nach dem Fremden ausschauen und um das Fremde buhlen. Während man iir den Salons unserer Reichen die Erzeugnisse der Litteratur aller Völker, oft in der glänzendste» Ausstattung zur Schau gestellet sieht, sucht man da meist vergebens nach einem Buche, in dem jüdische Stoffe behandelt sind Ja, als ein unberechtigtes Ansinnen würden manche unserer Reichen es zurückweisen, wollte nian ihnen zumuten, einem Buche, das jüdischen Interessen gewidmet, selbst das bescheidenste Plätzchen in ihren Häuseru anzuweisen oder ein Blatt, das jüdischer Angelegenheit dient, zu halten. Und hängt es denn nicht auch mit dieser Geistes- und Gemütsrichtung zusammen, daß man in jüdischen Kreisen den Führern und Leitern so häufig das Maß von Achtung versagt, auf das sie um ihrer Wirksamkeit willen Anspruch erheben dürfen, ja müssen, und das man in anderen Kreisen den Leitern bereitwillig eulgegenträgt?*) Zieht sich den» nicht dieser Mangel au Achtung und Werthaltung oft wie ein roter.Faden durch die Geschichte mancher Gemeinden? Mit welcher Zähigkeit wird an dieser Sinnesart festgehalten, eine Zähigkeit, der nur ein besseres Gebiet für ihre Bethätigung zu wünschen wäre! Wäre dies aber ein Anderes, als Zeichen und Ausdruck jenes Sklavensinnes. jener inneren Unfreiheit, die Israel trotz aller seiner Errungenschaften noch heute nicht abgelegt, überwunden, von der es sich heute noch nicht emancipirt, ja unter der es noch heute schmachtet. Den» wahrlich, oft genug im Leben ver- *) Wir denken hier unwillkürlich an die unerquicklichen Vorgänge in einer jüdischen Gemeinde, die einst das Banner des religiösen Freisinnes hoch empor gehalten, Vorgänge, die in weiten Kreisen ziemliches Aufsehen erregen.

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