Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1892)
- Date
- 1892-03-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 mit eigenen Augen zu schaue». Und als er einen Egypter sieht, der einen seiner israelitischen Brüder mißhandelt, da wallet das heißsiedende Blut in ihm auf und der Egypter fällt, getroffen von seiner Hand — das erste Opfer seiner Anhänglichkeit an seine von! ihm so treugeliebten Stammesbrüder. Wir verweilen nicht weiter dabei, Mose^ That an unseren sittlichen Maßstäbeu zu messen und darüber zu Gericht zu sitzen und begleiten ihn statt dessen anderen Tages wieder zu seinen Brüdern, wo ^in anderes Bild sein Blut in Wallung bringt. Er sieht zwei seiner eigenen Stammesbrüder in Streit und Zwietracht einander gegenüber stehen und das Wort entfährt seinen von Schmerz und Wehmut bebenden Lippen: Warum schlägst du deinen Nächsten? Und die Antwort? Sie lautet: „Wer hat dich zum Herr» und Richter über uns gesetzt? Ach, wie vieles gibt uns doch diese Antwort zu denken, wie gewährt sie uns doch einen so tiefen Einblick in Wesen und Charakter unseres Volkes, daß es sich Wohl verlohnt, länger bei ihr zu verweilen. Gibt sie uns doch Gelegenheit, Selbsterkenntnis zu üben, jene Pflicht, die schon die alten Heiden als die schwerste, aber auch als die unerläßlichste, heiligste aller Pflichten bezeichneten, so unerläßlich und heilig, daß sie einem ihrer berühmtesten Tempel die Inschrift eingemeißelt: „Erkenne dich selbst!" „Wer hat dich zum Herrn und Richter über uns gesetzt?" Was diese Antwort uns so bedeutsam erscheinen läßt? Was anderes als die Erwägung: Wäre der niedrigststehei de Egypter an die streitenden Hebräer herangetreten und hätte seine Geißel über und kein unbescheidenes sie geschwungen — demütig Hütten sie sich zurückgezogen Wort wäre ihrem Munde entfahren. Nun aber war es ihr Glaubensünd Stämmesbruder Moscheh, der am Königshofe Erzogene, der die ganze reiche! Bildung seiner Zeit und seines Landes in sich anfgeiiommen, mit ihr sich durfchtränket und erfüllet und daneben noch die innige, warme Liebe zu seinem Stanjmc sich erhalten und bewahret hatte, dessen Herz blutet ob der traurigen Lage derer, die. er seine Brüder nannte, mit denen er sich brüderlich verbunden fühlt! — und er muß das abweisende, kränkende Wort vernehmen: Wer hat dich zum Herrn nnd Richter über uns gesetzt? Was man dem rohen Egypter zu erwUeder» nicht gewagt hätte, das muß der auf der Höhe der Bildung stehende Staminesgenosse entgegennehmen. Bor dem Niedrigstehenden, wenn er n»r ein Fremder, ein Pichthebräer ist, im Staube liegen, in Demut zerfließen, aber den gottbegnadetsten Stammesgenossen hochmütig abweisen, sich ihm als völlig gleich und ebenbürtig zur Seite oder gegenüber stellen, seht, das ist Sklavenart, das ist Sklavensinn, wie er dem jüdischen Sklavenstamm auf egyptischem Bohen hat angehafiet. ist eigen gewesen. Und nun schauen >vir ans »ns und um uns. Haben wir allzu große Mühe, um uns als Nachkommen jener Hebräer auf egyptischem Boden zu erkennen, als Erben ihres Sinnes und ihrer Art? Oder weiset es uns nicht auf jene Spur hin/daß, während man geringschätzig oder wenigstens doch qleichgiltig auf das Bessere und Edlere in unserer eigenern Mitte zu blicken pflegt, man dem Freniden, Nichtjüdischen ost ein ungebührliches Maß von Ehre und Wertschätzmig entgegenzuträgen sich beeifert? Während man dem Verdienste in unserer eigenen Mitte oft die Anerkennung versagt, wenigstens daran mäkelt und aussetzt, hebt man selbst das zweifelhafte Gute und das oft noch zweideutigere Verdienst aus fremdem Kreise bis in die Wolken. Wie feiert man oft in überschwänglicher Weise dst bescheidenste Leistung, wenn nur der Nimbus des Fremden, des Nichtjüdischen ^ie umgiebt! Wie beglückt uns aber auch jede von Außen uns l