Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1892-03-01 · Heft 3 (1.3.1892) · p. Seite 52

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 3 (1.3.1892)
Date
1892-03-01
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2969669-2969947-2969951--3466-2976856
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Als Ferdinand und Jsabclla den Thron bestiegen, hatten die Neuchristen die höchsten Würden in Cästilien und Aragonien inne. Es gab kaum eine vornehme Familie die nicht mit der mala saiigua, dem bösen Blut der Juden vermischt war. Der zeitgepössische Pfarrer von Los Palacios schreibt über die Neuchristen: „D es verwünschte Geschlecht weigerte sich seine Kinder zur Taufe z» bringen. Und die es thateu, wuschen den Fleck wieder ab, wen» sie nach Hause kamen. Sie bereiteten ihre Fleischspeisen oder anderen Gerichte mit Orl statt mit Speck, enthielten sich des Schweinefleischs, feierten ihre Oster», aßen Fleisch zur Fastei zeit; sandten Oel in ihre Bethäuser uni deren Lampen zu füllen, und beobachteten noch andere abscheuliche Gebräuche ihrer Religion. Sie bezeigten keine Achtung vor dem Mönchsleben und entweihten häufig die Andachtshäuscr in dem sie die Besucher derselben mit Gewalt oder durch Verführung daraus entfernten. Sie waren ein außerordentlich kluges und ehrgeiziges Volk, das sich die einträglichsten Aeinter anzüeignen. wußte und zogen vor, ihren Unterhalt aus dem Handel zu erwerben, der ihnen ungeheuer viel einbrachte, als durch Handarbeit oder Handsverk. Sie betrachten sich als in den Händen der Egypter, die zu betrügen nnd ut bestehlen eine Verdienst war. Durch ihre schändlichen Kunstgriffe sammelten sie sich große Reichtümer und durch diese gelang es ihnen oft, i» vornehme christliche Familien zu heiraten." Soweit der fanatische Priester, dessen einseitige A ufsassnug uns noch oft beschäftigen soll — weil sic besser als iveitläufige Schilderungen den Geist der Zeit kennzeichnet. Die Einfil irung der Inquisition stellte ein gutes Geschäft für das Königspaar und für das Jnquisitionsgericht in Aussicht. Denn dieses erhielt den dritten Teil des den Ketzern aberkannten Vermögens. Man ließ das Gerücht verbreiten, daß die Neuchristeil im Bunde mit Juden Christusbilder verhöhnt und Christenkindcr gekreuzigt hätten, um den Tod Jesus zu verspotten. Der Prior des Domirikanerklostlers zu Sevilla fabelte dem Königspaar vor, ein in eine Jüdin verkiekter Ritter Gnzman habe das in deren Vaterhause am Grünen Donnerstag mit angesehen!! Der habsüchtige Ferdinand war geneigt, die Inquisition einzufnhren, denn ftej stellte ihm durch Güterconfiscationen reiche Mittel und den Vorteil päpstlicher Unterstützung in Aussicht. Minder leicht ging die edler veranlagte Königin Jsabcllä darauf ein, doch ließ sie sich von der Geistlichkeit überreden, daß es sich um eine Religionspflicht handle. Und so erwirkten beide Fürsten am 1. November 1478 von Papst Sixtus IV. eine Bulle, die sie ermächtigte, zwei oder drei Erzbischöfe und Bischöfe oder andere geistliche Würdenträger, mindestens 40 Jahrs alt, zu wählen, welche die Ketzer, die Apostaten und die Begünstiger djieser Verbrecher ermitteln und richten sollten. Jsabella Erschien Anfangs die Verordnung zu streng. Sie ließ durch den Cardinal-Erzbischof Btendoza von Sevilla einen Katechismus für bekehrte Juden ausarbeiteü. Als indeß 1480 ei» Jude eine beißende Schrift gegen die Regierung des Fiirsteupaares veröffentlichte und darin auch die christliche Religion angriff, schrieb der Beichtväter der Königin, Fernando de Talavera eine „katholische Widerlegung eines ketzerischen Libells". Jsabella ließ sich darüber von Geistlichen Bericht erftatteii,. Man betonte, daß der Verkehr der Juden mit den Christen den christlichen Glauben gefährde. Alte, längst außer Uebung gekommene Bestimmungen wurden eräeut in Anregung gebracht: die Juden sollten ein Judenzeichen tragen, auf Judenviertel beschränkt sein, die Heilkunde, Chirurgie, Kaufmannschaft, vas Barbiergewerbe nicht üben. Anfangs war das Volk in Castilien über bisse strengen Anordnungen nicht sehr erbaut. Ein großer Teil

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.