Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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35 alle Kreise der Menschheit einziehe» und auf das sinnige Gemüt seine Anziehungskraft ausüben, einmal dessen stachlige Hülle abstreifen, die goldene Frücht der Lehre der heilesbedürftigen Menschheit auch in schöner, köstlicher Schale reichen. Daher laßt uns nicht alles Schöne und Einladende als unjüdisch znrückweisen, laßt uns dem Norden seine Frische, dem Süden seine Glut entlehnen. Möge der fruchtreiche Garten auch seine würzigen Düfte ausstrahlen, seine herrlichen Reize entfalten, dann werden erst alle Völker der Erde unter seinen! Schatten sich verbrüdern nnd in den Preis der durch Erkenntnis und Liebe geeinten Menschheit wird die Majestät des Herrn herabsteigen und darin gedeihen die Frucht der Wahrheit und des Heiles bis in die späteste Zeit. - Es scheint fast, daß in unserer Zeit das Judentum bei der Außenwelt in höherer Achtung steht, als nach innen, von den erleuchtesten Geistern anderer Nationen dessen Bedeutung tiefer ersaßt, klarer verstanden wird, als unter seinen eigenen Bekennern und daher es geratener zu sein scheint, seinen inneren Zusammenhang zu kräftige», als ihm die glänzende Außenseite zu geben. Habt ihr schon von dem einfältigen Kinde gehört, das, anstatt mit der goldenen Krone sich zu schmücke», sie mit Füßen getreten? Das ist das rechte Bild für die thörichten Selbstverächter, die jeden sündigen Trieb in sich groß ziehen und nur das Judentum, dem sie durch ihre Abstammung angehören, verleugnen. Vergebens tritt die Lehre Israel prangend von Frische, beladrn mit Früchten und umstrahlt von Glanz an uns heran, wenn uns die sittliche Kraft fehlt, sie zu erheben und festzuhalten, wenn wir den edlen Freimut nicht besitzen, angesichts der überwiegenden von ihm abweichenden Menge es zu bekennen. Die Kraft des Selbstbewußtseins müssen wir in uns wecken, mit edlem Stolze dem blöden Spotte begegnen, mit unerschütterlicher Standhaftigkeit anhängen der Lehre der Wahrheit. „Gleich den Zedern an« Wasser" standen unsere Väter aufrecht, obzwar der Sturm der Verfolgung von allen Seiten sie umbrauste, und doch war die Welt für sie eine trübe Wüste und konnten sie nur mit dem wärmsten Herzblute den Boden der Lehre tränken, der ihr Eigentum war. Mit Zedernkraft haben sie den drohendsten Gefahren getrotzt, die heftigsten Kämpfe geführt, die glorreichsten Siege errungen. Durch Glaubensstärke und durch den Heldenmut unserer Väter, die sich die Lehre der Wahrheit weder ablocken noch abringen ließen, hat das Judentum immer tiefere Wurzeln in dem Boden der Geschichte geschlagen, immer schönere Blüten des Gedeihens entfaltet. Der Zeder soll auch das Judentum unserer Zeit gleichen. Gerade jetzt, wo die verlockende Stimme der Verführung erklingt, wo die trostlose Zersplitterung uns droht, wo der spottende Zweifel alles benagt, wo ein tiefer Riß durch alle Verhältnisse geht, ein eigener Zug nach Aendcrung des Bestehenden die Menschen mit sich fortreißt, ist es nötig, daß wir mit Zedernkrast uns rüsten, daß wir geleitet von den« Geist der Milde und der Einsicht, von dem Geiste der Erfahrung und der Wissenschaft den Verfall aufhalten, morsche Schranken niederreißen, de» wüsten Schutt wegräumen, dafür aber um so eifriger an dem Aufbau des Verfallenen arbeiten, die Wahrheit und Tugend schirmen, nnd um so liebevoller das Sinnige in unserer Gewohnheit wahren, daran die herrlichste» Erilinerungen sich knüpfen, darin die höchsten Wahrheiten sich ausprägcn. Nicht soll fürder verkrüppelt uüd verkümmert das Judentum im Staube kriechen, darin es die Rohheit früherer Geschlechter gestoßen, frei und schlank wie