Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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34 wie die Pflanze nur an rechtem Ort zur rechten Zeit sich gedeihlich entfalten kann, so werden wir vergebens von de» gesetzliche» Borschriften unserer Lehrer, die nur für gewisse Zustände, für gewisse Zeiten und Gegenden bestimmt waren, erwarte», daß sie auch unter ganz veränderte» Verhältnissen ihre volle Wirkung erzielen werden. Die Wahrheit, wolle» wir daher recht erkennen, innig beherzigen, eifrig bethätigen, daß nicht unsere Wiedersacher mit dem ebenso schelsüchtigen als tiefblickenden heidnischen Seher Bileam ausrufen: Nein, auch in Israel herrscht Verwirrung und Zerfahrenheit; auch dort reißen persönliche Neigungen die Herzen auseinander, auch bei ihnen ist die Wahrheit verhüllt, denn 4» Schulen zerfallen sie, der eine erhebt die Verstandesbildung, der andere lobt sich die Vermittelung, die dritte stellt das Heiligtum obenan. Nein! Die Fruchtbarkeit des Judentums soll nicht da sich zeigen, daß verschiedene Richtungen aus seinem Schoße hervorgehen, sondern daß das Bewußtsein gemeinsamer hoher Ziele und Bestrebungen sie alle eine, zu Werken der Wahrheit und der Gerechtigkeit, des Friedens nnd der Liebe. Gesetzt, es stände das Judentum »NN in unverwüstlicher Frische, in unerschöpflicher Fruchtbarkeit da und es vereinigte» sich alle Umstände dahin, seine gedeihliche Entfaltung zu begünstigen. Aber lehrt es uns nicht die Erfahrung, daß schon so manche Rose im Verborgenen blühte und unbeachtet wieder hinwelkte, daß schon so manche Frucht herrlich gedieh und, ohne einen lechzende» Gaumen erquicket zu haben, tvieder verdorrte? Es trägt die Zeit mit ihrem raschen Flügelschlage oft tzas Größte und Herrlichste dahin, ohne daß eine Spur des Segens von ihm iväre zurückgeblieben nnd es muß das Schöne, das nicht unerkannt, unbeachtet bleiben will, zumeist selbst in würdiger Weise sich ankündigen. das Gute schon in seiner äußeren Ausprägung den Stempel der innercil Gediegenheit zeigen. Und wenn der flammende Sonnenball, der in goldenem Schmucke über die blauen Felder des Himmels dahinrollt, nicht i» tausend Lichtlein durch ein'zur Erde herabwallendes Strahlenmeer sein Erscheine» verriete, wer würde ivohl seine Pracht nnd Herrlichkeit preisen, seine Kraft und seine» Segen fühle»? Es ist aber das Judentum eine Sonne des Lichtes, die an dem Himmel der Geisteswelt glänzt und es ist aber das Judentum ein solcher Baum des Lebens,' der die Heilesfrucht der Menschheit trägt. Darum muß schon seine äußere Erscheinung eine äninutende und entzückende sein. Nicht blos dem Bäche, nichtblos den, Garten, auch der Aloö soll die Lehre Israels gleichen, es soll der Dnft und Glanz der Schönheit von ihm ausstrahlen, es soll die Anmut nnd Lieblichkeit der Gestalt ein schönes Abbild seines hohen Geistes sein. Oder gehört das etwa z» den Vorzügen des mittelalterlichen Judentums, daß die Anstands- und Geschmacklosigkeit in ihm heimisch, daß die Verhöhnung aller Form und die Verachtung alles Schmuckes da mit zum guten Tone gehörten? Wir wissen es gar zu wohl, daß der Mißbrauch und die Unforin erst durch die Gewalt der Verhältnisse uns aufgedrängt nnd dann durch die Länge der Zeit uns angewöhnt wurde nnd daß im Gegenteile, so lange unsere Lehre in ihrer Entwickelung noch nicht behindert, wurde, Natur und Kunst in den Dienst der Religion geiwmmen und alles vereinigt wurde, die Weihe und Würde des Judentums zu erhöhen. Es giebt auch nach dieser Seite hin, nämlich was die zeitgemäße äußerliche Gestaltung des Judentums betrifft, noch vieles zu schaffen, vieles zu wünschen übrig, und wir muffen, soll die Lehre Israels in