Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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17 wie überhaupt die jüdische Sprache ein Bild von den Wanderungen des jüdischen Volkes! ist. Die Juden sind im Laufe der Jahrhunderte fast bei allen Rationen zu Gast gewesen, auch bei vielen, die längst spurlos im Meere der Vergangenheit untergegangen sind. Dabei haben sie allerlei Wörter herübergenomnien, dies«. Wörter schleppen sie von Jahrhundert zu Jahrhundert mit sich auf dem Gewand des Jargon, welcher die Umgangssprache für fast alle Juden der Welt ist. Von Odessa bis an die chinesische Mauer, vom weißen Meer ms zum schwarzen Meer, in Nordafrita und in Kleinasien, überallhin hat daH jüdische.Volk die Deutsche Sprache geschleppt — allerdings nicht das Deuisch, das wir heute spreche», sonder» ein verderbtes Mittelhochdeutsch. Nur dse spanischen Inden in Saloniki, Constantinopel und im heiligen Lande verstehest diese Sprachnicht. Diese deutsche Sprache, die verwelscht ist mit allen möglichen Reste» anderer Sprachen, namentlich der hebräischen, ist die jüdische Umgangssprache. Hebräisch wird nirgends in der ganzen Welt gesprochen, obwohl es für mehr den» 5 Millionen Juden lebendige Schriftsprache ist. Jeder jüdische Knabe, der nationale Schulbildung genossen», hat, schreibt in tadellosem jesaianischen Hebräisch. Man bemüht sich jetzt, klassisch zu schreiben, das heißt rein biblische Worte zu gebrauchen. Der Brief- und Zeitungsstil ist fnusivisch zusammengesetzt d. h. ans allen mögliche» Anspielungen von Redewendungen, die in der Heiligen Schrift Vorkommen — ‘ Es ist erstaunlich, was für ein gutes Gedächtnis das jüdische Volk hat, es vergißt fast nichts. Ich habe in den Karpathen kleine, deutsche Gedichte gefunden, die unser Volk seit Jahrhunderten verloren hat. Die Juden haben alte Sitten und Gebräuche, die sie vor Jahrhunderten irgendwo unter Völkern, in Italien oder Spanien oder Deutschland aufgelesen haben, treulich bewahrt. Die Namen seiner großen Lehrer bewahrt Israel am treuesten. Nie nennt es einen Talmudlehrer, ohne zu sagen „Sichrono libraeha“: „Sein Andenken sei gesegnet." Für einen jungen jüdischen Mann ist es sehr wertvoll, wenn sein Urgroßvater ein großer Rabbiner gewesen ist, denn dann kann er ohne Vermögen eine reiche Heirat mache» Eine solche Abstammung, von dem Geistesadel des Volkes ein solcher „Jichus", wie man jüdisch sagt» ist oft viele Hunderttausende von Thalern wert. — Das Bild des Volkslebens, welches man in Galizien, in der Bukotvina oder Litthauen, po» den Juden hat, ist ei» so fremdartiges und eigentümliches, daß es für uns Deutsche ebenso unbekannt, völkerpsychologisch interessant ist, wie das Leben irgend eines Eibischen oder arabischen Volksstammes. Wir wisse» oft viel weniger davon als von diesen Völkern, weil die Juden hinter einer chinesischen Maner mitten in Europa gewohnt haben. Sie verkehren zwar täglich mit den Christen, aber es giebt keine Brücke zwischen ihnen und den Gojim. — Vor 4 Jahren reifte ich einmal nach der ungarisch-galizischen Grenzej um einen merkwürdigen Mann zu besuchen, von dem wir bogenlange Briefe sn Leipzig bekonime» hatten. Der Mann war höchst gelehrt in der jüdischen Geheimlehre, der Kabbala, und hatte sich zuerst mit wissenschaftlichen Fragen jan Prof. Delitzsch gewandt Bei der Antwort hatte dieser ihm ein Neues Testament geschickt. Darauf kam ein Brief voll von Lästerungen, daß er es gewagt habe, das Bstch des Fluches ihm zu schicken. Lange Zeit hörten wir nichts von dem Mann. Dann aber kam wieder ein Brief. — Er bat nun dringend, es möchte doch jemand, aus Leipzig zu ihm kommen, er habe uns ein wichtiges Geheimnis mitMteilen. Ich kam Abends nach langer Fphrt bei ihm air. Gs war eine kleine Eisenbahnstation, ein großer Haufe von Zigeu- 2